Nicolai Thärichen.
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Nicolai Thärichen.

Nicolai Thärichen

Eine triftige Weise der Vertonung

  • vonStefan Michalzik
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Das Thärichen Tentett heiter in der Frankfurter Sommerreihe Jazz im Palmengarten.

In seinem 1999 gegründeten und bis heute personell ziemlich beständigen Großensemble Thärichens Tentett hat der Pianist, Komponist und Arrangeur Nicolai Thärichen eine Reihe der markantesten Musiker der seinerzeit vielgerühmten jungen Berliner Jazzszene gebündelt. In einer formbewussten Kontinuität hat er seine stilvoltenreiche Position stetig verfeinert, während er eine gewisse Distanz zu den aufgegriffenen Genres zwischen Bebop und Funk, Jazzballade und Kabarettlied, Avantgarde und Tradition hielt.

In der Frankfurter Sommerreihe Jazz im Palmengarten gastierte Thärichens Tentett nun mit dem jüngsten, schon im Jahr 2012 auf CD veröffentlichten Programm „An Berliner Kinder“. Vier Alben mit Vertonungen englischer Lyrik hatte das Ensemble über die Jahre hinweg vorgelegt; erstmals nun hat Thärichen Vorlagen deutscher Sprache in Musik gesetzt.

Den Sänger Michael Schiefel hat das in einer an den Anfang gestellten eigenen Hervorbringung zu einer humoristischen Reflexion angeregt, in der die deutsche Sprache als „nie so richtig lyrisch“ gegeißelt wird – derweil die an diesem wetterlaunigen Abend vorgetragenen Umsetzungen rundum geschmeidig sind, gleichermaßen was die sprachliche Materialität wie die musikalische Entsprechung anlangt.

Der Grundton der Textauswahl vor allem um den Dadaisten und Lautgedichtpionier Hugo Ball und um Joachim Ringelnatz, daneben auch dem frivole Dinge berührende Urtext einer Aria aus Bachs Weihnachtsoratorium und der Übertragung eines Shakespearesonetts, ist heiter. Es geht dabei indes nicht um eine krachende musikalische Alberei, alles ist ausgesucht erlesen gemacht.

Über aller hochvirtuosen vokalen Akrobatik changiert Michael Schiefel gescheit zwischen einer gleichsam kabarettistischen Orientierung auf das Wort und der Freiheit einer „instrumentalistischen“ Geläufigkeit, gesteigert in einer sprühenden Scateinlage. Über den Findungsreichtum der Kompositionen hinaus ist es die Finesse der Arrangements, die immer wieder besticht. Es lässt sich von einer triftigen Weise der „Vertonung“ sprechen, gerade weil Thärichen die Texte nicht illustrativ verdoppelt, vielmehr hebt er unmittelbar auf die sprachliche Gestalt ab. Da ist einesteils eine Homogenität des Ensembleklangs, auf der andere Seite treten die brillanten Instrumentalisten – wie Nikolaus Leistle, Baritonsaxofon; Andreas Spannagel, Tenorsaxofon und Flöte; Johannes Gunkel, Bass – immer wieder markant solistisch hervor. Ein in seiner Art süffiger, dabei allweil von einem ausgeprägten formalen Bewusstsein getragener Abend.

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