+
Matthew Ryan.

Matthew Ryan

Eine schöne Erschöpfung

  • schließen

„Hustle Up Starlings“, das neue Album von Matthew Ryan, ist ein Manifest beharrlicher Traditionsverfeinerung.

Ein Dutzend Tonträger hat der Bursche schon in Umlauf gebracht. Hat sich mit Leuten wie Lucinda Williams oder Paul Weller die Tourneebühne geteilt. Hat eine Stimme, deren raue Intensität allenthalben gelobt wird – ebenso wie sein Talent für textliche und kompositorische Finessen. Auf das Gipfelplateau weltumspannenden Ruhms haben die Götter den Mann aus Pennsylvania jedoch nicht gehoben, wie selbstverständlich widmet Matthew Ryan seine neue Scheibe dem Mut zur Beharrlichkeit.

Nach dem famosen und ebenfalls bei Blue Rose erschienen Vorgänger „Boxers“ von 2014 serviert der Sänger und Gitarrist nun ein „Hustle Up Starlings“ betiteltes 10-Song-Paketchen. Wesentlichen Anteil am Funktionieren dieser eigenwilligen Rockhymnen hat Gaslight-Anthem-Gründer Brian Fallon, der neben dem Saitenspiel auch die Produktion übernommen hat. Dass hier eine eingespielte Mannschaft – Brian Bequette, David Henry, Doug Lancio, Brad Pemberton – am Start und im Studio war, ist hörbar. Die Sessions sollen nur fünf Tage gedauert haben, das Ergebnis ist eine Winterplatte, mit der das Jahr 2018 beginnen darf.

Die Stimmung ist mit der ersten und der letzten Zeile des 39 Minuten füllenden Albums bestens wiedergegeben: Zwischen „Everything sucks“ und „We didn’t want to drown“ wächst eine Dämmerung, in der Konturen haltlos und Verluste einkalkuliert werden. Hier verzerren keine lautstarken Gitarren, dreschen keine Stöcke, schreien keine Stimmen. Druck wandelt sich in samtiges Lauern, surreale Wachheit. Und verstehen wir uns nicht falsch: Dies hier ist klassischer Americana-Roots-Alternative-Dingens-Rock, der kein Genre neu definieren will, sich aber umstandslos auf die Schultern der Springsteen-Petty-Westerberg-Sippschaft stellt.

Im besten Fall lässt Matthew Ryan die Musik von dannen ziehen, konzentriert sich ganz auf seine raubautzige Stimmlichkeit, die auch im Flüstern nichts von ihrer lockenden Eindringlichkeit verliert. Wie in „(I just died) Like an Aviator“, jenem unvergesslichen, großen Eröffnungsstück. Wenn nach wenigen Sekunden die zwei magischen Wörter „Rock’n’Roll“ aus der Kehle taumeln, schwindet jeder Zweifel. Nur konsequent, dass beide Seiten der Medaille zum Ausdruck kommen: „The same thing that makes you live / Can bury you alive.“

Da sollen Motoren auf Betriebstemperatur gebracht oder Mädchen in Schallplattenläden angesprochen oder soll Straßen ins Unendliche gefolgt werden. Motive, die fast vergessen schienen, an eine ewige US-Romantikmaschinerie gekettet sind. Auf „Hustle Up Starlings“ werden die Klischee-Köter an der kurzen Leine geführt – was den versammelten Herrschaften durchaus zur Ehre gereicht.

Treten Sie also ein in den dunkelnden Park. Aparte Pflänzchen unterm fallenden Licht, zuweilen seltsam schimmernd. Aus der schönen Erschöpfung des Titelsongs drängt weiße Vergänglichkeit: „I loved the snow when the winter comes / When loud guitars are pushed around by drums.“

Nennt Matthew Ryan meinetwegen einen freigeistigen Traditionalisten. Hört „Run Rabbit Run“ in seinem Strömen, Rollen, Meditieren. Hört den „Delicate Waltz“. Löscht endlich das Licht, lasst den Winter herein.

(Im Übrigen: Was ist gegen einen Burschen einzuwenden, der die Pogues gecovert hat?)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion