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Jetzt zeigen die Frauen, wo es lang geht: Katharina und Wolfgang Wagner auf dem Roten Teppich am Grünen Hügel.

Bayreuther Festspiele

Eine romantische Lösung

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Wolfgang Wagner kann freiwillig zurücktreten, weil Bayreuth Familienangelegenheit bleibt.

"Freiwillig", heißt es in den Pressemitteilungen, die am frühen Nachmittag verbreitet werden, während der Stiftungsrat in Bayreuth tagt: Wolfgang Wagner wolle freiwillig von der Leitung der Bayreuther Festspiele zurücktreten, weil und wenn seine Töchter, die Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, gemeinsam seine Nachfolge antreten können. Das klingt wie die erwartbare und recht simple Lösung eines komplizierten, verfahrenen und an widersprüchlichen Momentaufnahmen reichen Konflikts. Es wurde gerungen und reiflich überlegt, Hoffnungen blühten auf und ergrauten wieder, Druck wurde ausgeübt, Zwischenrufe und Einsprüche ertönten, verbitterte Interviews wurden gegeben und gedruckt, Jahr um Jahr, und immer schüttelte der zunehmend greise Festspielchef den Kopf und berief sich auf die lebenslange Gültigkeit seines Vertrages.

Anders als freiwillig war Wolfgang Wagners Rücktritt nicht möglich, und die endlich errungene Freiwilligkeit war Ergebnis dieses langen Prozesses. Wir ahnen dunkel den großen Aufwand an Diplomatie, der sich dahinter verbirgt, was der Bedeutung dieses Wortes eine neue Nuance hinzufügt und zugleich die Hoffnung nährt, dass die Endlos-Seifenoper aus dem fränkischen Kleinstädtchen endlich zu einem guten Ende gekommen ist. Oder sollte sie besser fortgesetzt werden wegen ihres Unterhaltungswertes, der in den eisigen Höhen der Hochkultur und Politik ein so rares Gut ist?

Die öffentliche Diskussion über Wolfgang Wagner und die Nachfolgefrage geht inzwischen ins zehnte Jahr. Seit 1951 hat er die Festspiele geleitet, anfangs in einer ersten Bayreuther Tandem-Lösung gemeinsam mit seinem Bruder Wieland und seit dessen Tod im Jahre 1966 allein. Zwölf Mal inszenierte er selbst, aber niemand rechnet diese Arbeiten unter die Höhepunkte der Festspiele oder unter seine großen Verdienste. Die erwarb er sich als Intendant, der Bayreuth in einer anregenden Balance aus Innovation (in der Wahl der Regisseure) und Beharrungsvermögen hielt.

Die Nachfolgedebatte hatte ihren ersten Gipfelpunkt erreicht, als Wolfgang Wagner im Jahre 2001 seine zweite Frau Gudrun - von der es hieß, sie sei ohnehin längst die eigentliche Regentin auf dem Grünen Hügel gewesen, was scheinbar auch einer alten Wagnerschen Familientradition entspricht - zu seiner Nachfolgerin bestimmen wollte. Der Stiftungsrat mochte sich damit jedoch nicht einverstanden erklären. Danach geschah zunächst scheinbar und jahrelang nichts.

Aber der Eindruck, dass nichts geschieht, ist immer nur vorübergehend aufrecht zu erhalten. Seit Gudrun Wagners Tod im November 2007 stand das Ende einer Ära drohend am Horizont und die Neuregelung der Festspielleitung auf der Agenda. Dass Wolfgang Wagner jetzt seine Bereitschaft zum Rücktritt von seinem Amt nach den diesjährigen Festspielen angekündigt hat, ist also genau genommen nichts weiter als ein folgerichtiges Abarbeiten des nächsten Tagesordnungspunkts.

Der übernächste Tagesordnungspunkt wäre die formelle Installation der so genannten Tandem-Lösung mit Eva und Katharina Wagner als neuer Festspielleitung; die Wochen nach dem Ende der diesjährigen Festspiele wären dafür sicher ein guter und satzungsmäßig vertretbarer Terminrahmen.

Und ist es wirklich so, dass damit demnächst eine Ära zu Ende geht? Einerseits ganz sicher, und zwar in mehrfacher Hinsicht, aber nur so weit das unvermeidlich ist. Denn zum ersten Male sind die Frauen der Wagner-Familie nicht nur Drahtzieherinnen hinter den Kulissen, sondern endlich und unzweideutig Chefinnen geworden, die Ära der männlichen Abstammungslinie in der Festspielleitung ist damit durchbrochen. Freiwillig? Auch scheint die Tandem-Lösung einen neuen Modernisierungsschub zu versprechen: Sowohl Katharina Wagner wie auch Eva Wagner-Pasquier sind im modernen Kulturbetrieb aufgewachsen und werden manches finden, was zu ändern ist. Andererseits: Die dynastische Kontinuität ist schließlich - vor allem aufgrund von Wolfgang Wagners Beharrungsvermögen in Familienangelegenheiten - gewahrt oder sogar zugespitzt, immerhin war trotz Tandem-Lösung in der Bayreuth-Nachfolge kein Platz mehr für Wielands Tochter Nike.

Die Bayreuther Festspiele, Mutter aller modernen Musikfestspiele, werden mit dieser Lösung weiterhin ein Ort allergrößten öffentlichen Interesses und mittelschwerer öffentlicher und privater finanzieller Zuwendung bleiben, nach innen aber eine Wagnersche Familienangelegenheit.

Insofern ist die Tandem-Lösung, die Wolfgang Wagner den Weg zum freiwilligen Rücktritt geebnet hat, eine romantische Lösung. Sie bricht Regeln, indem sie ihre Kontinuität verbürgt, sie ist mehrdeutig, lässt divergierende Einschätzungen zu und widerlegt keine. Sie ist wie der Tristan-Akkord, in den Raum gestellt als harmonisches Wir-werden-schon-sehen. Eine Emanzipation der Dissonanzen, wie Arnold Schönberg sagte, ohne Strebewirkung, richtungslos und ohne klare Entscheidung. Den harmonischen Kontext wird man erst hören, wenn es weitergegangen ist.

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