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Ein bisschen was von Madonna: U.S. Girls im Konzert.

U.S. Girls

Sie hat eine Menge zu sagen

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"A Poem Unlimited", ein betörendes Album zur Stunde von Meghan Remy alias U.S. Girls.

In der kritischen Rezeption ist vom „Album der Stunde“ die Rede und vom „Soundtrack zur #MeToo-Debatte“. Dass „A Poem Unlimited“, das sechste Album von U.S. Girls, so perfekt zur im Oktober aufgeflammten Debatte um männlich dominierte Machtstrukturen und sexuelle Übergriffe nicht allein in Hollywood passen würde, hat indes während der zwei Jahre dauernden Aufnahmen niemand ahnen können. U.S. Girls, dahinter steht die kanadisch-amerikanische Sängerin und Songschreiberin Meghan Remy. Vor gut zehn Jahren hat die mittlerweile im kanadischen Toronto lebende Musikerin ihr Projekt mit wenig mehr als einem Vier-Spur-Rekorder ausgestattet in ihrem Schlafzimmer begonnen. Die frühen Aufnahmen basieren auf Noise, Störgeräuschen und Stimme, im Sinne eines vom Punkgedanken hergeleiteten Do it Yourself.

In der Zwischenzeit hat sich Remy in eine ganz andere Richtung entwickelt. Die Texte auf ihrem vorhergehenden Album „Half Free“ von 2015 handeln vom Leben einer durchschnittlichen amerikanischen Frau zwischen dem Zwang zur Lohnarbeit und dem Streben nach Selbstbestimmung. Wie bereits auf „Half Free“ erinnert beim Dancefloorpop von „A Poem Unlimited“ manches an Madonna. Allerdings ist das Klangbild beileibe nicht so chromblitzend produziert wie bei ihr.

Es handelt sich um betörende Popmelodien, in einer knisternden Mischung von Soul, Funk, Disco und Elektrobeats, vorgetragen mit einer Stimme, die oft an die Girlgroups der sechziger Jahre erinnert. Die Texte hinter dieser animierenden Oberfläche indes handeln vom Oberthema Sexismus und von Gewalt gegen Frauen – und davon, wie eine Frau sich dessen erwehren kann.

Eindrücklich kündet der kurze, field-recordingartige Schnipsel um den mehrfach wiederholten Satz „Why Do I Lose My Voice When I Have Something to Say?“ von weiblicher Ohnmacht im Angesicht der Machtverhältnisse. Gleich in der Eingangsnummer „Velvet 4 Sale“ geht es um die Rachefantasie gegen einen Täter in Sachen Missbrauch. In „M.A.H.“ (=Mad As Hell) hingegen erhebt ein enttäuschter Wähler das Wort gegen den US-Präsidenten. Nicht gegen den derzeitigen – sondern gegen Obama, den Drohnenkrieger.

Dem eigenen Verständnis nach sieht sich Meg Remy, die Kunst studiert hat, als „Chefkuratorin“ von U.S. Girls und nicht als Musikerin. Etliche der Songs hat sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem Musiker und Schauspieler Maximilian Turnbull, geschrieben. Musikalisch wirkt das Album, an dessen Aufnahmen ungefähr zwei Dutzend Musiker um den Kern des Torontoer Musikerkollektivs The Cosmic Range mitgewirkt haben, in seiner Art durchaus konsistent. Eine präzise Festlegung im Sinne eines Genres indes verweigert Remy. Die schleppenden Beats und dichten Schichtungen etwa in „Velvet 4 Sale“ erinnern ein wenig an TripHop, auf der Basis eines Samples aus dem soul-psychedelischen Siebziger-Jahre-Soundtrack „Witch Hunt“ von John Cameron. In „Rage of Plastics“ wiederum ist der Führung der Stimme ein Touch von Folk und Country eigen. Der DIY-Gedanke des Punks ist nach wie vor als Leitstern zu erkennen.

Die Texte sind gespickt mit literarischen Anspielungen, der erzählerische Ansatz steht erklärtermaßen unter dem Einfluss Bruce Springsteens. „A woman’s work is never done“, hat Meg Remy im Übrigen vor ein paar Jahren mit Blick auf die Bestrebungen nach Emanzipation gesagt.

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