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Can 1971 in Hamburg mit Liebezeit (2. v. l.).

Jaki Liebezeit

Wie eine Maschine – nur besser

Zum Tode des fabelhaften Can-Drummers Jaki Liebezeit, der sich einige Male neu erfand.

Von Christian Bos

Bald nachdem ich aus der tiefsten Provinz nach Köln gezogen war, führte mich ein guter Geist an den Kai des Rheinauhafens. Junge Menschen feierten in dem rumpeligen ehemaligen Getreidespeicher eine Party. Im Keller aber schlug Jaki Liebezeit auf seine Trommel, wie in Trance, im immer gleichen, um keine hundertstel Sekunde sich verschiebenden Rhythmus. Ein bleicher, langhaariger Gitarrist improvisierte dazu, aber das war nicht so wichtig. Hier, unter dem Wasserspiegel des Rheins, schlug das animalische, mechanische, schamanische Herz von Köln.

Am Sonntagmorgen ist Jaki Liebezeit im Alter von 78 Jahren in Köln an den Folgen einer plötzlichen Lungenentzündung gestorben. Das vermeldete die offizielle Facebook-Seite von Spoon Records, dem eigenen Plattenlabel von Can, der einzigen Kölner Band, die es zu Weltruhm gebracht hat. Nicht zuletzt dank des Schlagzeugspiels von Liebezeit, das im Ausland als das hervorstechendste, weil unerhört neue Merkmal des Krautrock-Sounds wahrgenommen wurde.

Sein rumorendes Spiel

Ein anerkannter Schlagwerker war der 1938 in Dresden geborene Liebezeit schon vor seiner Zeit bei Can. Nach der Schulzeit flüchtete er aus grauer Städte Mauern ins sonnige Barcelona, spielte dort unter anderem in der Band des blinden Jazz-Pianisten Tete Montoliu und begleitete den traurigen Trompeter Chet Baker. Mitte der 60er Jahre kehrte Liebezeit nach Deutschland zurück, um im Quintett des Trompeters Manfred Schoof zu trommeln. Das hatte wesentlichen Anteil daran, eine europäische Variante des amerikanischen Free Jazz zu etablieren. Hört man sich Liebezeits rumorendes, eruptives Spiel auf dessen 1966er Album „Voices“ an, käme man nicht im Traum darauf, dass dies derselbe Drummer ist, der zwei Jahre später Can mitgründen würde.

Die Band vereinte die Stockhausen-Schüler Irmin Schmidt und Holger Czukay mit dem jungen Rock-Gitarristen Michael Karoli und kurz darauf auch mit dem schwarzen Bildhauer Malcom Mooney. Zusammengehalten aber wurde diese eigenartige Mixtur von Jaki Liebezeit, der sich dafür noch einmal völlig neu erfand. Dizzy Gillespie hatte einmal auf die Frage, was am Ende der rasanten Entwicklung des Jazz stünde, geantwortet: Ein Mann, der auf eine Trommel schlägt.

Für Can wurde Jaki Liebezeit zu diesem Mann. „Er spielt wie eine Maschine, nur besser“, lobte sein Bandkollege Holger Czukay. Liebezeit hatte sein Spiel mit äußerster Disziplin aufs Wesentliche reduziert, spielte „motorisch“, wie eine gut geölte Maschine, ein menschlicher Drumcomputer, noch bevor dessen mechanischer Gegenpart erfunden worden war. Und drang auf diese repetitive Weise zu neuen Rhythmen vor, im gleichen Maße hypnotisch wie funky. Zu Liebezeits Spiel auf Can-Alben wie „Monster Movie“, „Ege Bamyasi“ oder „Tago Mago“ konnte man sich ins egolose Nirwana verlieren oder den Hintern bewegen. „Can“ war New Yorker Slang fürs Hinterteil, stand nach Liebezeits Definition aber gleichzeitig für „Communism, Anarchism, Nihilism“.

Der Ruf der Band wurde weithin gehört. Zuerst entdeckten britische Neutöner wie Brian Eno (mit dem Liebezeit dann auch spielte) und David Bowie die Band, kurz darauf Punkrocker wie die Buzzcocks oder Johnny Rotten von den Sex Pistols, anschließend Indie-Bands wie The Fall, Pavement, Radiohead oder Franz Ferdinand – und schließlich Hip-Hop-Größen wie Kanye West. Man kann Liebezeits Einfluss auf den Alben der Stone Roses und der Talking Heads nachspüren, man kann ihn auf Veröffentlichungen der Eurythmics und Depeche Modes auch selbst spielen hören. Und hierzulande konnte man ihn jahrelang mit seinen Post-Can-Formationen Phantomband, Club off Chaos und Drums off Chaos erleben, oder an der Seite des Elektronikers Burnt Friedmann. Er trommelte immer weiter, mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Im April hätte Liebezeit in London ein großes Konzert zum 50-Jährigen von Can geben sollen, mit Irmin Schmidt, Malcom Mooney, Mitgliedern von Sonic Youth und dem London Symphony Orchestra. Vielleicht wird das jetzt zum Gedenkgottesdienst. Was soll man sonst tun, jetzt wo der manisch voranschreitende Herzschlag der modernen Popmusik ausgesetzt hat?

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