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Brian Wilson am Klavier.

Brian Wilson

Eine Legende in der Jahrhunderthalle

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Nur der Hund fehlt: Brian Wilson, ehemals Beach Boys, gastiert mit elf grandiosen Musikern in der Jahrhunderthalle in Frankfurt.

Stehende Huldigungen gleich zum Auftritt. Brian Wilson, 75 Jahre alt, ist gebrechlich, er lässt sich auf die Bühne führen, seinen Platz am Klavier wird er den ganzen Abend über nicht verlassen. Seit gut anderthalb Jahrzehnten entfaltet der lange abgetauchte Mann, um den sich die Mythen drehen wie um kaum ein anderes tragisches Genie der Popgeschichte, eine rege Konzerttätigkeit und bringt Soloplatten heraus, wie wenn nie etwas gewesen wäre.

Was er tatsächlich an den Tasten macht an diesem Abend in der annähernd ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle ist nicht zu sehen, wie stark oder wie begrenzt sein Beitrag zu den charakteristischen Harmoniegesängen ist, nicht herauszuhören. Selbst ungeachtet aller – menschlichen, gar anrührenden – Altersmalaise ist es naturgemäß doch er, der im Mittelpunkt steht.

Eine Menge hörenswerte Fundstücke

Die ersten zwanzig Minuten nehmen sich nicht sonderlich viel im Vergleich mit der Greatest-Hits-Show der verfehdeten, die Namensrechte haltenden Fraktion der Beach Boys um Mike Love vor Monatsfrist in der Alten Oper. Von den frühen Surfhits gibt es hier gut eine Handvoll am Anfang und eine in den Zugaben, dazwischen eine Menge in der Summe hörenswerter Fundstücke, die nicht so geläufig sind. Auf die Songs aus der 1988 ansetzenden Reihe der Soloalben scheint Wilson – oder wer immer das Repertoire zusammengestellt haben mag – dann doch nicht zu vertrauen. Wilsons Stimme ist brüchig geworden, die Höhen fallen praktisch komplett weg; oft kommt sein Vortrag einer Rezitation der Textzeilen nahe.

Die mottogebende Aufführung des Meilensteinalbums „Pet Sounds“ nach der Pause ist bestechend und glückreich. Mit einem Blick auf die Details der originalen Arrangements, Spezialitäten der Perkussion und der Gitarrensounds sowie der im Aufnahmejahr 1966 für die Popmusik bahnbrechenden Aufbietung von diversen Orchesterinstrumenten wie dem Waldhorn oder der Bassmundharmonika. Die elf Musiker sind schlicht grandios. Bloß ein kläffender Hund ist nicht auf die Bühne geholt worden. Bemerkenswert die Weglassung der finalen Nummer „Hang On To Your Ego“. Wie das???

Brian Wilson hat dieses Konzert – zweieinhalb Stunden mit Pause, ohne ernstliche Längen – eher ob seiner Anwesenheit beglaubigt, als wesentlich getragen. Das hat, was den Gesang angeht, in erster Linie der vitale zweite Beach-Boys-Mitbegründer Alan Jardine getan, dem praktisch die Mike-Love-Rolle des Leadsängers zukam; dessen Sohn Matt übernahm im zentralen Trio den Part des Falsettisten. Der 70er-Beach-Boy Blondie Chaplin hat auf der Gitarre brillant den schwarzen Keith Richards gegeben. Nicht bloß gute Laune, auch viel Gespür für die melancholische Seite – derart lässt sich eine Legende getrost besichtigen.

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