Pop

Eine helle Stimme grollt

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Hoch, höher: Tori Amos in der Frankfurter Jahrhunderthalle - aber es hätte durchaus ein bisschen mehr sein dürfen.

Die Leute reden und sitzen. Tausende sitzen. Die Vorband Bell X 1 spielt, drei Männer, die Musik machen für eine Liebeskomödie aus den 90ern. Hugh Grant spielt mit. Zwei Frauen reden lauter. Als das letzte Lied zu Ende ist, steht die Palavernde auf, rote Haare, sie wankt, auf ihrem Kapuzenpulli steht Wicked. In der Pause läuft Ella Fitzgerald und Bob Dylan. Tori Amos kommt auf die Bühne, im Hintergrund leuchten die Sterne, der Beat kommt vom Band. Eine Frau hinter uns erzählt, wie sie 1992 in der Alten Oper war, die erste Tour zu „Little Earthquakes“. Das muss großartig gewesen sein.

Man kann es erahnen, wenn man alte Auftritte von ihr schaut. Glastonbury 1998 zum Beispiel. Da spielt sie sich mit Band, Gitarre, Schlagzeug, durch ein maximal unbequemes Set. Das Grimmige und Unversöhnliche war damals immer etwas größer als das Esoterische und Märchenhafte, das sie ja durchaus schon immer hatte. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Sie könnte noch immer so sein. Wenn sie noch immer ihre sehr helle Stimme kombinierte mit ihrem tiefen Grollen, wenn das Schwärmerische als eine Stimmung unter vielen aufschiene. Das ist fraglos der Geschmack desjenigen, der sie hörte, als er Tool und die Nine Inch Nails hörte, zugegeben. Das Tiefe ist nunmehr live marginal, ihre Stimme, hoch, höher. Amos ist harmloser und eindeutiger geworden.

Am Anfang des Konzertes und am Ende, da ist die Drastik noch zu sehen, die das haben kann. Zwischendrin ist es eingeengt, kanonisiert. Sie spielt „Blood Roses“, der Song klingt mit einem Glühen aus. Die Leute sitzen. Tori Amos zieht ihren Lippenstift nach. Nach einem solch wuchtig-wütenden Song. Ist das eine Geste der Verstärkung, erst die Rage, danach, als müsste sie sich sammeln, die Leute gucken schon, das zur-Tagesordnung-Übergehen? Oder ist es doch einfach nur Ausdruck der Routine, die das geworden ist? Immer wieder sind da die genialen Stimmungswechsel und man fantasiert, wie diese einen erst umhauen würden mit ganzer Band und Druck und Groove und Menschen auf ihren Füßen.

Sie spielt „Winter“, einen alten Hit. Sie zögert scheinbar, streckt jeden Ton. Als warte sie auf Applaus. „Things are going to change so fast.“

Es ist so ein okayes Konzert, man verstehe es nicht falsch. Aber es ist vor allem ein Konzert des Hätte-sein-Könnens. Am Schluss spielt sie zwei Hits, „Cornflake Girl“ vom fantastischen „Under the Pink“ und „A sorta fairytale“, endlich sind da wieder Beats, vom Band. Die Leute springen auf die Sekunde genau auf, jetzt ist das Stehen erlaubt, reglementiert.

Es hat etwas von Euphorie zu den Bürozeiten. Konzerte nur noch am Samstag.

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