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Architects: Eine heilende schwarze Messe

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Von: Baha Kirlidokme

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Architects-Sänger Sam Carter.
Architects-Sänger Sam Carter. © imago

Die Metalcore-Größen Architects machen aus ihrem Tourauftakt eine Therapiesession. Die Support-Acts Sleep Token und Northlane begeistern mit ihrer teils unkonventionellen Musik.

Energisch und emotional: 5000 schwarz gekleidete Menschen jubeln in der Frankfurter Jahrhunderthalle, tanzen und lassen hier und da mal ein Tränchen fließen. Das ist der Deutschland-Tour-Auftakt der britischen Metalcore-Szenegrößen Architects. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie feiert die Band am Donnerstagabend ihre Rückkehr. Mit dabei sind die australische Metalcore-Band Northlane, die längst ebenfalls eine feste Größe ist, und die britischen Sleep Token, die zwar seit 2016 existieren, aber erst seit wenigen Jahren größere Aufmerksamkeit genießen.

Letztere dürfen die Tour einläuten, als die konzeptionell interessanteste Band des Abends. Die Gründe, warum Sleep Token derart faszinieren, sind zahlreich. Zunächst wäre da das Geheimnis, das die Mitglieder aus ihren Identitäten machen. Ihre Anonymität wahren sie unter Masken und Sturmhauben. Lange, schwarze Roben vervollständigen den düsteren Look. Sleep Token zelebrieren einen mystischen Kult und verehren eine Gottheit, die sie „Sleep“ nennen.

Der Sound der Band ist unheimlich, aber auch unheimlich interessant: Die Musik wechselt von harmonischen Piano-Parts zu Breakdowns mit der tief gestimmten achtsaitigen Gitarre. Das Ganze wirkt keineswegs aneinandergezimmert, sondern fügt sich natürlich zusammen. Die engelsgleiche, klare Stimme von Sänger Vessel, die es mühelos von tiefe in hohe Oktaven schafft, trägt den Sound nach vorne. Es ist eine leider nur halbstündige Show: ein Gottesdienst, bei dem nicht gesprochen, dafür wie besessen getanzt wird.

Weltkrise und Depression

Weiter geht es mit Northlane, die live viel Spaß machen, nicht zuletzt, weil Sänger Marcus Bridge ein Sonnyboy mit ansteckender guter Laune ist. Die Australier haben ihren Sound mit den vergangenen beiden Alben erneuert, indem sie auf einzigartige Weise elektronische Elemente in ihren Metalcore inkorporieren. Elemente, die durchaus eine Nähe zu modernem Techno haben. Manche Kritiker:innen sprechen von diesem Sound als „Nu Metalcore“ oder „Nu Nu Metal“, angelehnt an den Nu Metal der frühen 2000er, für den elektronische Elemente zentral waren.

Ganze 24 Songs geben Architects zum Besten, ihre längste Setlist. Es befinden sich breakdowngeladene Stücke aus ihrer härteren Phase im Repertoire, aber auch beinahe schon poppige Lieder aus dem aktuellen Album „The Classic Symptoms of a Broken Spirit“. Das Album sorgte bei Fans für gemischte Gefühle, aber die Songs fügen sich gut in das abwechslungsreiche Konzept der Setlist ein.

Wer schon mal auf einem Konzert von Architects war, weiß, wie emotional die Shows werden können. Vor allem der Krebstod von Gitarrist Tom Searle 2016 schwebt immer noch über der Band, Sänger Sam Carter nimmt sich immer wieder Zeit für Ansprachen über Themen, die viele Fans nachfühlen: Es geht um negative Reaktionen aus der Szene, weil er sich seit Neuestem schminkt und Absatzschuhe trägt, um Krisen der Welt und seine Depressionen, mit denen er und Drummer Dan, Zwillingsbruder von Tom, seit dessen Tod zu kämpfen haben. Dann fordert er auf, sich seinem Konzertnachbarn, seiner -nachbarin, vorzustellen, um sich weniger einsam zu fühlen. Nach den vergangenen harten Pandemie-Jahren hat dieses Konzert eine heilende Wirkung. Am Ende fließen bei Carter und den Fans die Tränen.

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