Alte Oper Frankfurt widmet sich Beat Furrer

Eine Geschichte entstehen lassen

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Beat Furrer geht mit den musikalischen Parametern höchst eigenständig um, und wenn der Begriff des Dramaturgischen im Sprachspiel des gegenwärtigen Theaters nicht so reduktiv besetzt wäre, könnte man im Falle von „Begehren“ von einer dramaturgischen Musik sprechen.

Was hören wir eigentlich, wenn wir zum Beispiel Beat Furrers Musiktheater-Werk „Begehren“ hören, das das Ensemble Modern mit der Schola Heidelberg sowie den Solisten Petra Hoffmann und Johann Leutgeb jetzt aufführte, in der Alten Oper Frankfurt am Vorabend des Beat-Furrer-Symposiums? Keine Arien jedenfalls und schon gar keine Rezitative. Keine Ouverture und auch keine Orchestermusik, die psychische Situationen der handelnden Personen aufnähme.

Eher ein klingendes, atmosphärisches, atmendes Konzentrat. Farben – und zwar nie nur eine –, aber immer wieder auch Verschleierungen von Farben, dazu Bewegungen und Bewegtheiten, die nicht nur einer Person zuzuordnen sind, sondern dem gesamten Aufbau des Stückes. Und trotz aller Bewegtheit entsteht nie der Eindruck, dass es wirklich voran ginge, darum geht es nicht.

Dass der traditionelle musikalische Formenkanon hier als Instrumentarium zum Verständnis der Musik nicht ausreicht, sollte nebenher erwähnt werden. Beat Furrer geht mit den musikalischen Parametern höchst eigenständig um, und wenn der Begriff des Dramaturgischen im Sprachspiel des gegenwärtigen Theaters nicht so reduktiv besetzt wäre, könnte man im Falle von „Begehren“ von einer dramaturgischen Musik sprechen – einer Musik, die nicht nur dramatisch ist, sondern die auch immer über das Drama etwas weiß, was jeden einzelnen Moment transzendiert, und dieses Wissen mit transportiert, also das Ganze zugleich vom Anfang wie vom Ende her denkt.

Es gibt in dieser Musik nichts, was ihre nächsten Sekunden vorhersehbar macht

Das Klangbild ist flüchtig, schwebend, aber voller Plötzlichkeiten, es gibt in dieser Musik nichts, was ihre nächsten Sekunden vorhersehbar machte. Stille bekommt viel wichtigen Raum, und sie wird nicht nur als Kontrast zu größtmöglichem Lärm benutzt. Die dynamischen Abstufungen sind eher subtil und reichen weit in den Bereich, den Komponisten mit einer Sequenz von mehreren „p“ notieren.

Aber das Merkwürdigste an diesem Stück Musiktheater ist wohl die Verwendung von Sprache. Sprache ist nicht da, um etwas zu sagen, allenfalls um etwas auszudrücken. Es gibt in „Begehren“ zwei Personen, Sie und Er, und einen Chor, und deren Vokalisen benutzen die deutsche und die lateinische Sprache. Beide nicht so, dass man nichts verstünde, wenn man die Sätze nicht versteht, sondern eher als Klangmaterial einer bestimmten Herkunft und Bedeutung.

Eine Geschichte, mindestens eine, entsteht, wird aber nicht eigentlich erzählt. Es ist ein Rekurs auf den alten Orpheus-und-Eurydike-Mythos, in dem aber keine Begegnung zwischen beiden stattfindet, denn Orpheus hat sich schon zu Beginn umgesehen, das Entschwinden des Anderen ist ein Apriori dieser Geschichte. Jeder singt/spricht für sich, der Chor kommentiert und dramatisiert, am Ende hätte Orpheus fast das Singen wieder gelernt, wenn er nicht schon wieder verstummt wäre, und Eurydike spricht mit (oder von?) einer Illusion.

Mit eindeutigen Katagorisierungen kommt man hier nicht weit

Das Symposium am folgenden Tag schien mit seinem Thema „Stimmen im Raum“ dem am Freitagabend erklungenen Werk maßgeschneidert. Der größere Teil der Vorträge setzte sich in irgendeiner Weise mit der spezifischen Verwendung von Sprache und der speziellen Arbeit am Mythos bei Furrer auseinander. Und jeder dieser Vorträge wusste Erhellendes zu diesem Themenkreis beizutragen – sei es über die spezielle Art von zusammensetzender Dekonstruktion (Julia Cloot), über Semantik und Semiotik in der Sprachbehandlung (Jörn-Peter Hiekel, Max Nyffeler) sowie kompositorische Sprachbehandlung in Chorwerken (Eva Pintér).

Symposiums-Leiter Hans-Klaus Jungheinrich machte das Rauschen dingfest als eine Art Asymptote in Furrers Musik, aus dem sie sich herausbewegt und zu dem sie immer wieder zurückkehren zu wollen scheint. Gerhard R. Koch führte das Mobile als formales Kompositionsprinzip für einen großen Teil der Klavierwerke Furrers ein. Marie Luise Maintz schließlich fasste den merkwürdig flüssig gewordenen kategorialen Rahmen in einer überaus frischen, angemessenen Terminologie und beleuchtete die widersprüchlich aufgeladenen und zugleich sehr klar differenzierten Zeitstrukturen in Furrers dramatischen Kompositionen.

Bemerkenswert, wie viel Genauigkeit hier einer Musik zuteil wurde, die sich Herkömmlichem gern zu entziehen scheint. Beat Furrer, das machte das Symposium deutlich, ist ein Komponist, der eher anhand von Antinomien verständlich wird als anhand eindeutiger Kategorisierungen. Analytisches Instrumentarium muss, wenn es über diesen Komponisten etwas Sinnvolles zu Tage bringen will, angepasst werden.

Die widersprüchlichen Eindrücke aus der Aufführung von „Begehren“ aber, dass nämlich hier eine Annäherung ohne Fortkommen stattfindet, eine im Wortsinn schleierhafte Musik mit dramatischem Puls, eine präzise Regelhaftigkeit ohne Vorhersehbarkeit – all das erschien nach der geballten Erklärungsanstrengung des Symposiums plausibel: Es gibt keine Widersprüche, es gibt nur unterschiedliche Weiten des Horizonts.

Alte Oper Frankfurt: weitere Konzerte zum Komponisten-Porträt Beat Furrer bis 26. September. www.alteoper.de

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