Musik

Wie eine Decke, die dich zudeckt, wie eine Zunge, die dich ableckt

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Glam und Cleverness: Jens Friebe im Wiesbadener Schlachthof.

Der Abend folgt einer genauen Konstruktion. Auf jedes neue Lied folgt ein altes. Dann wieder ein neues. Balance muss sein. Es soll ja keine Retro-Show werden. Aber natürlich müssen auch die Fans der ersten Stunde irgendwie abgeholt werden. Die von damals, als Friebe als das nächste große Ding gehandelt wurde, weil er die großen Themen – Sex, Liebe, Gender – so anders besingen konnte, freier, nicht so bedeutungsschwanger, lustvoller, androgyner. Er sei, schrieb der „Rolling Stone“, der „einzige deutsche Popstar“.

2004 erschien Friebes erstes Album, „Vorher Nachher Bilder“, auf Alfred Hilsbergs legendärem Label ZickZack Records. Ein Jahr später schon „In Hypnose“. Deutschsprachiger Pop, mit Blumfeld, Tocotronic irgendwie verwandt und doch zugleich himmelweit von ihnen entfernt. Man kann den Unterschied noch heute hören, wenn Friebe im Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthofs etwa „Cast a Shadow“ von 2004 spielt.

Friebe war immer mehr als nur ein begnadeter Texter und Songwriter, er liebt das Spiel mit dem Billigen, dem Trash, dem Glitzer, dem Dilettantismus. Seine Idee von Style hat sich seit je mehr erlaubt als verboten. Er coverte die Vengaboys genauso selbstverständlich wie einen Song der Regierung. Glam und Cleverness. Das ist seine Welt. In drei Minuten zusammenzubringen, wo niemand sonst eine Schnittmenge erkennen kann. Friebe kann das wie kein Zweiter. „Hölle oder Hölle“ von 2014 etwa beginnt in Wiesbaden appellartig, wie eine zeitgenössische, kapitalismuskritische Version von Palais Schaumburgs „Wir bauen eine Stadt“. Nur um schließlich in einen Wolfgang-Petry-artigen Ballermann-Refrain zu münden, der so abscheulich wie im Kontext unwiderstehlich ist.

Zur Gitarre greift er nur noch für die ganz alten Lieder. Irgendwann wurde Friebe, wie er selbst sagt, gitarrenmüde und erdachte seine Songs eher vom Klavier aus. Auch der Klang ist offener geworden, räumlicher. Live hat er dafür eine fast perfekte Besetzung gefunden. Der unverwechselbare Chris Imler, so etwas wie die graue Eminenz des Berliner Pop-Undergrounds, spielt Schlagzeug, Andi Hudl Bass. Und Pola Schulten wechselt zwischen Gitarre und Synthesizer.

Zusammen rasen sie durch Friebes Werk. Für 16 Songs brauchen sie nicht einmal eine Stunde, Perfektion ist dabei nicht das Ziel und auch die Stimmung wird erst allmählich besser. Friebe bleibt auf Distanz, Rockstar-Posen sind ihm fremd. Zugaben gibt es trotzdem. Und ganz zum Schluss, weil wir alle so nett zu ihm waren, spielt er sogar noch sein persönliches Fiesta Mexicana, also jenen Song, der ihn verfolgt, ein bisschen zumindest, einen verdächtig euphorischen Hit namens Lawinenhund, vor knapp 15 Jahren mit so schönen Zeilen wie diesen entstanden: „Ich möchte dir dienen, ich möchte dir Schnaps geben. Nenn’ mich Lawinenhund, ich suche Leben. Wuhuu-Wuhuhu-Huuuu!“

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