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Joan Osborne.

Musik

Ein Tanzschuppen, der Panama heißt

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Von der Disco auf die Straße: Zwei Neuheiten von Joan Osborne und Diana DeMuth, „Trouble and Strife“ und „Misadventure“.

Nach zwanzig Sekunden des ersten Albumstücks geht ihre Stimme rein – und packt die Hörergemeinde umstandslos beim Schlafittchen. 58 Jahre ist Joan Osborne jetzt, hat einen Welthit und ungezählte Kollaborationen hinter sich, kann seit langem den Rezepturenkatalog amerikanischer Songwriterheilkunst auswendig hersagen. Mit „Trouble and Strife“ stellt die Kentucky-Lady nun zehn neue, selbst verfasste Songs ins Herbstlicht des Jahres 2020.

Nach ihrer vor drei Jahren herausbrachten Sammlung mit Dylan-Adaptionen könnte das Erstaunen kaum größer sein: Nichts weniger als die Wiedererweckung einer 70er-Radio-Atmosphäre ist Wunsch und Wille der begnadeten Allround-Sängerin. Ausgespart wird nichts: 40 Minuten, in denen keine Hierarchien geduldet werden, sich Disco ebenso stolz aufplustern darf wie Pop und Soul und Blues. Mit Nels Cline, dem abgefeimten Jazz- und Wilco-Saitengreifer, hat sich Joan Osborne dazu den richtigen Abenteurer ins Brooklyner Kellergehäuse geholt. (Es bedarf keiner Erwähnung, dass die vielgestaltige Band-Maschinerie wie geschmiert funktioniert.)

Was andernorts als „Gemischtwarenladen“ in den Senkel gewiesen würde, scheint hier der einzige Pfad zur Seligkeit. In Bezug aufs abwechslungsreich-unterhaltsame Tun gibt Osborne zu Protokoll: „Bring joy and energy because we really need that right now.“ Und während sich die Musik von Rockhammer-Rage („Hands off“) zur Engtanz-Party-Schunkelnacht („Whole Wide World“) bewegt, bleiben die Textbotschaften politisch drängend. Mit den gesellschaftlichen Zuständen im gelobten Land steht die Aktivistin mehr denn je auf Kriegsfuß. – Umso erstaunlicher, dass „Trouble and Strife“ weit weg von Bitterkeit und Verzweiflung ist. Am Ende landen wir doch wieder im Tanzschuppen, der hier „Panama“ heißt.

Der Americana-Sound lockt

Die Alben:

Joan Osborne: Trouble and Strife. Womanly Hips Records / Thirty Tigers / Membran.

Diana DeMuth: Misadventure. Creaky Gate/ Thirty Tigers/ Membran.

„Already Gone“ heißt der abschließende Song auf dem Debüt von Diana DeMuth, eingespielt in den Catskill Mountains und mit sparsamen Mitteln. Vom Unterwegs- und Unbehaustsein ist viel die Rede in diesem Zehnerpack. Schon als 14-Jährige soll die Tochter reiselustiger Hippie-Eltern dem Lockruf des Americana-Sounds vollends erlegen sein. Ehrensache, dass Schule geschmissen, Bonnie Raitt verehrt und unentwegt geklampft wird.

„Misadventure“ hat die heute 22-Jährige ihr erstes Vollwerk betitelt. Folkmusik, dominiert von Piano und Akustikgitarre, einer unaufgeregten Produktion. Diana DeMuth – und das wird ihr zu Ruhm und Ehre verhelfen – ist stimmlich wuchtig, eigenständig. Was uns in diesem 2020er Herbst jedoch genügen soll, sind drei Kompositionen von herausragender Güte. „Into My Arms“, „Rose of Nantucket“ und „The Young & The Blind“ reihen sich wie Sterne am Firmament – fast neun Minuten, in denen dem Roadsong-Milieu frische Duftnoten einverleibt werden.

Textlich erweist sich das in Massachusetts erwachte Küstenkind Diana DeMuth ohne jede Scheu, treffsicher wird weder „shit town“ noch „fuck it“ gescheut. Wunderbar, wie die Reise mit „Got a Mitsubishi rustin’ out in the yard, / well, me and Billy we run a little cocaine“ dann Fahrt aufnimmt.

Den Two Gallants erweist sie auf diesem Album die Ehre, covert „Steady rollin’“ von 2006 – macht aus dem dunkel glimmenden Independent-Ohrwurm jedoch eine geheimnislose Klavierballade. Zuweilen fehlt (noch) der Dreck unterm Fingernagel, der Wille, das Schöne in Schräglage zu bugsieren.

Irgendwo verweist Diana DeMuth auf die gleichaltrige, in England geborene Jade Bird. Kein übles Vorbild: Man höre zum Beispiel nur geschwind Birds Version von Johnny Cashs „I’ve been everywhere“. Und ahnt, was kommt.

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