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Ed Sheeran in Frankfurt: So authentisch, so bescheiden

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Von: Volker Schmidt

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Der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran. Foto: Sander Koning/Afp
Der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran. Foto: Sander Koning/Afp © Getty Images via afp

Ed Sheeran spielt an drei Abenden im Frankfurter Waldstadion

Ed Sheeran hat eine Band dabei. Er könne, sagt er, doch nicht einfach wieder dasselbe tun wie bei der letzten Tour, er allein mit seiner Gitarre auf einer Bühne an einem Ende des Stadions. Also ist die Bühne diesmal im Publikum, eine achtlos im Strafraum gelandete Frisbee, die sich beständig dreht, sodass alle etwas haben von dem Typen mit dem roten Wuschelkopf, der auch noch gern im Kreis darum herum geht oder rennt beim Singen und seinen Ansagen. Eigentlich sollte die Bühne in der Mitte des Stadions stehen. Das geht in Frankfurt nicht, denn da hängt der Anzeigewürfel des Waldstadions. Er wäre der überdimensionalen Tortenhaube aus LED-Bildschirmen im Weg, die zu Konzertbeginn die Bühne verhüllt und später darüber schwebt.

Die Band allerdings steht nicht auf dieser Bühne – da ist nur Sheeran. Sechs schräge Masten, daran LED-Bildschirme, ragen rund um den Bühnenkreis aus dem Stadionboden. An ihrem Fuß sitzen die Technik sowie kleine Privatbühnen für Gitarrist, Bassist, Drummer und Keyboarder. Sheeran nennt früh im Konzert kurz ihre Namen, aber sie werden nicht als Virtuosen gebraucht, nicht als Personen, sie sind quasi menschliche Loop-Stations.

Denn so funktioniert Sheerans Musik: Er spielt ein paar Takte ein, Akkorde, Trommelschläge auf dem Gitarrenkorpus, ein paar Basstöne vom Keyboard im Bühnenzentrum. Die Aufzeichnung ruft er per Pedaldruck ab, spielt eine weitere Schicht dazu. Der Aufbau seiner Songs spiegelt meist diese Technik: Vier Akkorde laufen durch, Refrain und Strophe unterscheiden sich allein durch die Dichte der Loop-Schichten.

Nach „Tides“ vom jüngsten Album und dem fast hardrockigen „Blow“ schickt Sheeran die Band wieder in die Versenkung und spielt allein mit der Loop-Maschine ein gutes halbes Dutzend Songs. „Shivers“ ist dabei und „The A Team“, bei dem Sheeran die 61 000 im Stadion zweistimmige Harmonien singen lässt, „Give Me Love“, „Visiting Hours“ und „Perfect“, einer von vielen Anlässen, das Stadion ins Handy-Licht zu tauchen.

Er sei so authentisch geblieben und bescheiden, sagen Fans gern über den 31-Jährigen aus Suffolk. Nun ist Authentizität auf einer Bühne, die ein Haufen Schwerlaster durch Europa karrt, naturgemäß eine Inszenierung. Die stellt einen ins Zentrum: Sheeran. Die LED-Schirme zeigen ihn ganz oder sein Gesicht, bunt verfremdet, schwarzweiß, originalgetreu. Die Band bleibt gesichtslos, und nur selten mal leuchten illustrierende Videoschnipsel auf.

Und Bescheidenheit? Sheeran erzählt, wie er einmal auf den Anruf des Managers eines anderen Musikers im angetrunkenen Zustand wahllos aus einem Computer-Ordner mit Dutzenden halb vergessenen Song-Entwürfen einen an eine Mail hängte, damit der Kollege ihn singe. Der hieß Justin Bieber, der Song „Love Yourself“ – womit Sheeran auch gesagt hat, dass noch seine mittelprächtigen Entwürfe anderen zum Hit gereichen.

„+-=÷x“, sprich „Mathematics“ heißt Sheerans Tour, nach Alben, die er nach drei der vier Grundrechenarten (das “-“ hat er ausgelassen) und zuletzt ihrer Summe benannt hat. Die Gastband lässt sich als Versuch deuten, in neue Dimensionen vorzustoßen. Aber Sheeran weiß so recht nichts mit ihr anzufangen. Sie darf bei „Galway Girl“ ein bisschen irisches Flair beisteuern, bei „Overpass Graffiti“ oder „Afterglow“ die Mixtur andicken.

Hits wie „Photograph“ oder „Sing“ kommen wieder solo. Auch seinen größten Hit „Shape Of You“, im Original ein tropisch angehauchter Dancefloor-Song, gestaltet Sheeran wie einen überdimensionalen Folksong. Genau so, mit Gitarre, markanter Stimme und Bühnenpräsenz, füllt Sheeran dreimal hintereinander ein Stadion. Was soll da noch kommen?

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