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Ein neues Genre? Wenn ein Musiker sich zum Gründer eines ebensolchen ausruft, läuten die Alarmglocken.

Neues Album

East Man: „Prole Art Threat“ – Londons Eastend immer im Blick

  • vonStefan Michalzik
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Ein Manifest gegen die Gentrifizierung: Der Brite East Man mit „Prole Art Threat“.

Ein neues Genre? Wenn ein Musiker sich zum Gründer eines ebensolchen ausruft, läuten die Alarmglocken. Kann das wirklich sein (eher selten), oder steckt schlicht Großmäuligkeit dahinter (eher häufig)? Auch East Man lässt sich nicht uneingeschränkt zustimmen. Der aus dem Osten Londons stammende Anthoney Hart, der hinter East Man steckt, nennt seine „Neuerfindung“ Hi Tek. Auf die zugrundeliegende Idee einer Verbindung von HipHop und Techno wird er schwerlich einen Copyrightanspruch erheben können. Schließlich lassen Grime und Garage herzlich grüßen.

Gleichwohl klingt der Sound eigensinnig, und „Prole Art Threat“, das zweite Album als East Man nach dem Debüt „Red White & Zero“ (2018) markiert eine hörenswerte Feier karger und harscher Beats in ungeheurer Vielgestaltigkeit. Begonnen hatte der Weg von Anthoney Hart Ende der neunziger Jahre als Produzent von Drum’n’Bass und Electronica, unter dem Signum Basic Rhythm. Die experimentelle Elektroszene jedoch, hat der heute 41-Jährige einmal in einem Interview gesagt, habe sich mehr und mehr zu einer Angelegenheit des weißen intellektuellen Mittelstands entwickelt. Weshalb er sich von ihr abgewendet hat.

Harts Ansatz als East Man ist ein explizit politischer. Hi Tek geht gegen die Galerien an, die vorgedrungen sind in das Londoner Eastend, traditionell das „Armenviertel“ der Stadt mit vielen afroamerikanischen und karibischen Zuwanderern und lange Zeit der einzige Ort, an dem die Mieten, sonst astronomisch hoch, auch für weniger Betuchte noch zu bezahlen gewesen sind. Hier nun sind also, wie bekannt aus vielen anderen Städten, die Galerien mit ihrem Hipnessfaktor und den daraus resultierenden Folgen eingezogen – Stichwort Gentrifizierung.

Das Album

East Man: Prole Art Threat. Planet Mu/Cargo/375 Media.

Hi Tek, das soll eine Gegenposition zur „High Art“ darstellen. Der Titel „Prole Art Threat“ – Bedrohung durch proletarische Kunst – bezieht sich auf eine gleichnamige, auf das Jahr 1981 zurückgehende Nummer des Misanthropen Mark E. Smith von der Postpunkband The Fall. Eigenem Bekunden nach ist East Man auf „eine Reflektion der Kreativität der Arbeiterklasse“ bedacht, und er will zeigen, „wie das Establishment uns marginalisiert und uns, womöglich unbewusst, als Bedrohung ansieht“.

Viele Gäste singen dazu

Die Gästeliste der Vokalisten ist, wie schon beim Debüt, beinahe so groß ist wie die der Titel. Grandiose – fast durchweg junge und noch nicht sonderlich namhafte – Rap-Asse wie Streema, Mic Ty oder Whack Eye. Lediglich bei zwei der zwölf Nummern (in gerade mal 34 Minuten) handelt es sich um Instrumentals. „Machine Gun“ klingt so und nicht anders; „Hi Tek Theme“ mutet maschinenmusikartig an, mit rhythmischen Sprachsamples. Und mit einem Seitenblick auf Kraftwerk.

Da ist eine enorme Vielfalt an Sounds wie eben auch Stimmen, im Gesamten aber wirkt das wie ein klug durchkomponierter Zyklus. Raum ist im Übrigen auch für das feministische Empowerment von Rapperinnen wie der gleichfalls in East London ansässigen Ny Ny. Sie hat einen vietnamesischen Hintergrund und stellt in „Who Am I?“ die Frage aller Fragen in unserer Zeit, die nach der Identität. Eine globale Dimension muss heutzutage selbstredend auch der Protest sein – was sich hier in einem Auftritt des brasilianischen Rappers Fernando Kep in der Nummer „Ouroboros“ manifestiert.

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