Ensemble Modern

Die Dystopie einer Großstadt

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Von Istanbul in Mimes Schmiede: Ein anregendes Konzert mit dem Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt.

Das Konzert des Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt begann mit einem musikalischen Städtebild, das der 1970 geborene deutsch-israelisch-palästinensische Komponist Samir Odeh-Tamimi erstellte. 2008 versuchte er, den Klangkosmos Istanbul in den Klangkörper des Ensemble Modern zu verwandeln.

Eine Arbeit in der Tradition von Edgard Varèses New-York-Stück „Amériques“ der 10er oder Edmund Meisels Musik zu Walther Ruttmanns Berlin-Film der 20er Jahre. Eigentlich ab den 60er Jahren ein Thema für elektro-akustische Repräsentanz, die gleich akustischen Fotografien eines Luc Ferrari fungieren können. Das Brausen und Brodeln im engen Raumgefüge des Mozart-Saals war jetzt übermächtig und ließ aus der angekündigten Klang-Vielfalt eher einen dystopischen Anschlag werden. Dennoch fesselnd, weil kontraintentional sich die bejahende Note dabei in eine kritische wandelte.

Ähnlich markant ging es mit einem Quasi-Konzert für Kontrabassklarinette und Ensemble weiter, das der 44-jährige Franzose Yann Robin ebenfalls 2008 schuf. „Art of metal“ heißt das Werk, das als klingendes Spielfeld des Symbolgehalts alles Metallischen mit seinen Beziehungen zu Kraft, Gewalt, Solidität und Strahlkraft in Mythos und Moderne wirken soll.

Aber so wie in Hephaistos’ oder Mimes Schmiede der metallische Klang nur konkret wird als geschlagener, so auch hier. Die Übertragung von Luft durch metallische Röhren ist nur noch metallisch als Metapher für einen Formanten der Härte, Schärfe und spezifischer Farben zu gebrauchen. Und von all dem bot das Instrument des Ensemble-Modern-Solisten Jaan Bossier, der bravourös spielte, das größte Spektrum.

Mit dem 2011 entstandenen Werk „A long way away“ der 38-jährigen Sarah Nemtsov aus Oldenburg wurde die Übersetzung von inhaltlichen Aspekten weiter getrieben. Vier fiktive Porträts von deutsch-jüdischen Männern, die der Schriftsteller W. G. Sebald 1992 in „Die Ausgewanderten“ verfasst hat, werden hier in Klang-Szenerien zu verwandeln versucht. Sebalds lakonische Konkretheit von vier selbstverantworteten „Endlösungen“ verflüchtigte sich in eine Atmosphäre der Latenz von Druck und Ausdruck samt einem Hauch musique concrète, die ohne Programmheftlektüre sich nicht erschließen ließ.

Den Abschluss machten, wie in jedem klassischen Programmverlauf, deftige, rhythmische drängende, strahlende, auch melodisch sich vereindeutigende Prozesse, die der damals 33-jährige Johannes Motschmann für das Ensemble Modern schrieb. Ein Glanz- und Paradestück der Frankfurter Musiker, die von Ilan Volkov mit Gespür und ordentlichem Schwung durch den Abend geleitet wurden.

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