Musik

Bob Dylan interpretieren: Über die Veränderungen der Zeiten

  • vonHans-Jürgen Linke
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Das Quartett Absolutely Sweet Marie mit seinem dritten Bob-Dylan-Album.

Der Nobelpreis für Literatur damals war natürlich eine Verlegenheitslösung, zu der gegriffen werden musste, weil es für den Beruf Singer/Songwriter keinen Nobelpreis gibt. Was ziemlich schade ist und Dylan endgültig ins Lager der Hochliteraten trieb.

Das Quartett „Absolutely Sweet Marie“, das sich nach einem Song von dem Doppelalbum „Blonde On Blonde“ (1966) benannt hat, gibt Dylan einen Schubs in eine andere Richtung: Die Band nimmt ihn als Musiker, als Komponisten von thematischem Material und interpretiert seine Musik, ohne die benobelten Texte singend mitzuliefern. Die Liedhaftigkeit, die sie der Musik abgewinnen, ist eine formale. Man sollte nicht erwarten, die Stücke mitsingen zu können. Gut, ein paar Motive, einige Phrasen stiften mitsummbaren Wiedererkennungswert, aber mehr nicht. Absolutely Sweet Marie liefert keine Cover-Versionen, sondern eine sorgfältige und raffinierte Übersetzungsarbeit.

Das ist einerseits bequem, man kann sich dann um eine Interpretation eines so rätselhaften Textes wie dem des Songs „The Mighty Quinn“ drücken und sich auf den übermütigen Geist des Stückes konzentrieren. Man muss die anklagende Bitternis aus „With God On Our Side“ nicht mit Pathos ummanteln, sondern kann daraus einen prüfenden Blick aus der Ferne auf die sechziger Jahre machen, genau wie aus dem ungemein haltbaren Song „The Times They Are a-Changing“, der einer der international meistgesungenen der vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnte sein könnte.

Absolutely Sweet Mary: Wherever You Roam. The Music of Bob Dylan. Tiger Moon Records.

Von der LP mit diesem Titel stammen übrigens etliche der Stücke auf dem Album. Die vier vergleichsweise jungen Jazzer (die, als 1964 „The Times They Are a-Changing“ erschien, alle noch nicht geboren waren) bringen aber nicht nur den Spirit interpretierender Distanz in ihre Arbeit ein, und schon gar nicht machen sie sich lustig über die Love-and-Peace-Ära der Popkultur. Sie haben einfach einen musikalisch geschärften Blick auf die vergangenen Verhältnisse, und sie füllen die Distanz des generation gap zwischen sich und den alten 68ern mit der lässigen Gegenwart, zugespitzten Subtilität und unprätentiösen Virtuosität ihrer Musikalität und ihrer Improvisationen.

Jedes Solo, das hier gespielt wird, jede freisinnige Verarbeitung von Song-Material atmet eine ganz und gar angemessen und nie geborgt erscheinende Authentizität. Es ist gerade die Vielstimmigkeit in der Herangehensweise, das Zusammentreffen von entschiedener Aneignung und respektvoller Huldigung, von Textlosigkeit und Geistreichtum, von Präzision und Verspieltheit, was den Spaß an der Musik steigert.

Dass „Wherever You Roam“ das dritte Dylan-Album des Quartetts ist, führt nicht zu einer zunehmenden Glätte, sondern zu einer immer intensiveren Bewusstheit im Umgang mit dem Material. Übrigens ist auch das enigmatische Liebeslied „Boots Of Spanish Leather“ Gegenstand einer überaus konsistenten Interpretation.

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