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Bob Dylan im Juni 2017.

Musik

Bob Dylan: Detektiv am Tatort

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Bob Dylan veröffentlicht seinen ersten neuen Song nach acht Jahren.

Just in dem Moment, da Bob Dylans legendäre Never Ending Tour mit der virenbedingten Absage seiner Konzerte in Japan ins Stocken geraten ist, überrascht der bald 79-Jährige Künstler mit einem neuen Song, der jetzt online veröffentlicht wurde. „Murder Most Foul“ ist nicht nur sein erster neuer Song seit acht Jahren, sondern mit knapp 17 Minuten auch das längste Stück, das Bob Dylan in seiner Karriere veröffentlicht hat. Bisher hielt „Highlands “ von 1997 mit 16.30 Minuten seinen persönlichen Rekord.

Wann genau der neue Titel eingespielt wurde und ob er eventuell das Vorzeichen für ein neues Album sein könnte, ist nicht bekannt. Seine bis dato letzte LP mit eigenen Songs war 2012 unter dem Namen „Tempest“ erschienen. Danach hatte sich Dylan mit mehreren Platten der Adaption des Großen Amerikanischen Songbooks gewidmet. In einer kurzen Begleitnotiz schreibt er nun: „Dies ist ein unveröffentlichter Song, den wir vor einiger Zeit aufgenommen haben, vielleicht interessiert er euch.“ Worauf sich „vor einiger Zeit“ bezieht, bleibt offen. Es könnten ein paar Wochen sein oder ein paar Jahre. Die dezente Instrumentierung des Stücks (Piano, Geige, Perkussion) deutet allerdings eher auf eine neuere Produktion hin. Auch bei seinen Konzerten hatte Dylan seine Begleitmusiker zuletzt oftmals sehr sparsam eingesetzt.

Beatles, JFK, Woodstock

Der Text von „Murder Most Foul“, eher ein musikalisches Poem, denn ein Song in klassischer Struktur, dreht sich um die Ermordung von John F. Kenndey im November 1963 – im weitesten Sinne, wie man sagen muss. Das sind viele, viele Zeilen, die den Exegeten Stoff zum Nachdenken geben. Darauf hat die Dylanologie gewartet! Das Attentat auf den amerikanischen Präsidenten in Dallas assoziierend, weitet sich das Werk zu einer Art Bewusstseinsstrom, der die Popkultur der Sechzigerjahre aufnimmt. „The Beatles are coming, they’re gonna hold your hand“, heißt es an einer Stelle und dann „Tommy can you here me, I’m the Acid Queen.“ (ein Verweis auf die Rockoper „Tommy“ von The Who). Auch den großen Popfestivals der Ära, an denen Bob Dylan ausdrücklich nicht hatte teilnehmen wollen, erweist er hier seine Referenz. „I’m going to Woodstock, it’s the Aquarian Age/Then I’ll go to Altamont and stand near the stage.“

Wie schon öfter in seinen eigenen Stücken erweist Dylan auch in diesem Epos etlichen seiner Vorbilder und sonst wie sein Schaffen prägenden Persönlichkeiten namentlich Tribut. Zu nennen wären unter anderen Buster Keaton, Harold Lloyd, Oscar Peterson, Stan Getz, Nat King Cole, Charly Parker, John Lee Hooker, Marilyn Monroe und Patsy Cline. Auch Songtitel werden zitiert:„Let The Good Times Roll“, „Wake Up Little Suzy“, „Down In The Boondocks“ und etliche mehr. Das Attentat selbst beschreibt Dylan detailliert wie ein Augenzeuge. „They blew off his head while he was still in the car“, singt er in der ersten Strophe. Später wechselt er sogar in die erste Person:„ Riding in the backseat next to my wife“. Ich sitze auf dem Rücksitz, neben meiner Frau. In wechselnden Perspektiven widmet sich der Sänger dem Geschehen am 22. November auf der Dealey Plaza im texanischen Dallas. Einmal schlüpft er gar in die Rolle des Mörders – oder, wie er es sieht, der Mörder: „We’ve already got someone here to take your place“. Wir haben schon jemanden, der deinen Platz einnehmen wird.

Das amerikanische Magazin Variety, das den Song „Murder Most Foul“ auszugsweise transskribiert hat, erinnert in einem Beitrag an die Obsession, mit der Bob Dylan schon in jungen Jahren der Ermordung Kennedys gefolgt war. Wie sein Biograf Robert Shelton schreibt, sei Dylan bereits drei Monate nach dem Attentat an den Schauplatz der Tragödie gefahren und habe „wie ein Detektiv“ den Tatort untersucht. Nun, mehr als ein halbes Jahrhundert später, kehrt er dorthin zurück.

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