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Bei der Tango-Weltmeisterschaft in Buenos Aires.

Neue CDs: Tango

Durch Zeit und Raum

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Drei neue weltumspannende und überhaupt spannende Tango-Alben von Luis Borda, von der Münchner Gruppe Quadro Nuevo und vom Cuarteto Rotterdam.

Flucht mit Heimkehr

Gemeinsam mit Geige und Flöte prägte die Gitarre die Frühzeit des Tango im 19. Jahrhundert. Geblieben ist von den drei praktischen Straßenmusikinstrumenten die Violine. Die beiden anderen konnten sich in den „Orquesta tipica“ gegen den mächtigen Klang des Bandoneon nicht mehr durchsetzen. Allein im „Tango Cancion“ wurden Gitarren weiter eingesetzt. So ist das schmelzende Organ von Carlos Gardel, dem singenden Säulenheiligen des Genres, meist mit Gitarren-Geschrammel unterlegt. Als der Rock’n’Roll den Tango als Tanz für die Massen in Buenos Aires verdrängt hatte, kam die Gitarre in kleinen Ensembles zurück.

Luis Borda ist der wichtigste Gitarrist des modernen Tango. Seit Jahren lebt er in München, inspiriert Orchesterprojekte mit symphonischem Tango, spielt mit wechselnden Gruppen oder begleitet seine singende Schwester Lidia. Seine jüngste CD entstand aus der Zusammenarbeit mit der kretischen Sängerin Georgia Velivasaki. Ihre betörend klare Stimme prägt das Projekt. Borda tritt nicht nur als Musiker und Komponist, sondern auch als Textdichter hervor. Sein Auftaktstück „Vergüenza“ (Scham) nimmt ein Wort des argentinischen Papstes Franziskus auf und beschwört die Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa. Der Kreis der 13 Stücke schließt sich mit Gardels Klassiker „Volver“, der von Heimkehr träumt. Kretische Klänge sind ebenso zu hören wie der Rhythmus der Chacarera in einer Hommage an Bordas Idol, den Gitarristen Atahualpa Yupanqui.

Harfe mit Swing

Die Harfe ist im Tango absolut exotisch. Von den großen Orchesterleitern der „Epoca d’Oro“ setzte nur Osvaldo Fresedo sie ein. Er ist für seinen sämig melodiösen Klang ebenso bekannt wie für seine Experimentierfreude. Von Fresedo sind sogar vier Aufnahmen mit dem US-amerikanischen Jazztrompeter Dizzy Gillespie überliefert. Aber auch bei ihm trug die Harfe nur zum charakteristischen Sound bei. Eine herausgehobene Rolle hatte sie nicht. Seit die frühere Harfenprofessorin Evelyn Huber dabei ist, klingt die Münchner Gruppe Quadro Nuevo satter, runder als mit dem Gitarristen ihrer Anfangsjahre. Fresedo erweist sie auf dem Album „Tango“ ihre Reverenz mit „Buscandotte“, einem berühmten Stück aus seinem Repertoire. Das klingt schon im Original nach Kaffeehaus und kommt den Münchnern sehr entgegen.

Das Quintett hatte schon lange Tangos in seinem weltumspannenden Repertoire. Doch nun hat es dieser Musik eine komplette CD gewidmet. Hits wie „Cumparsita“ oder Astor Piazzollas „Vuelvo al Sur“ werden durch stilsichere Eigenkompositionen ergänzt. Da die fünf Musiker im Marketing mindestens so versiert sind wie auf ihren Instrumenten, gibt es über den Aufnahmetrip nach Buenos Aires ein Extra-Hörbuch. Auch in „Mekka“ klingen sie wie „Quadro Nuevo“ eben klingt – mit einem dezenten Swing und dem dominierenden Saxophonisten Mulo Francel. Andreas Hinterseher kann auf dem Bandoneon sein Stamminstrument Akkordeon allerdings nicht verleugnen.

Kraft mit Sparsamkeit

In der „Goldenen Epoche“ rund um die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts war Tango in Buenos Aires ein Massenphänomen. Abend für Abend konkurrierten die besten Orchester der Stadt um das Publikum. Die erfolgreichsten Veranstaltungen zählten bis zu tausend Tangueras und Tangueros. Um so viele Leute zusammenzubringen, braucht es in Berlin, Europas Tangohauptstadt,ein ganzes Wochenende. Livemusik ist selten, weil die sparsamen Tänzer den erhöhten Eintrittspreis scheuen. Tangomusiker haben es schwer – erst recht, wenn sie angeblich untanzbare Musik spielen.

Das „Cuarteto Rotterdam“ zählt zu den besten Ensembles in Europa. Dennoch haben die Musiker um Michael Dolak (Bandoneon) und Susanne Cordula Welsch (Violine) ihre jüngste CD im Eigenverlag herausgebracht. Nach zwei Produktionen mit Kompositionen quer durch die Tangogeschichte wagen sie sich diesmal monothematisch an eine „Hommage a Astor Piazzolla“. Finanziert wurde das Ganze durch Crowdfunding. Um Kosten zu sparen, wurde ein Konzert an einem Abend vor Publikum in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg aufgenommen. Der Musik geschadet hat das nicht. Hier kommt live wirklich live rüber. Und Piazzollas ebenso kraftvolle wie melancholische Musik nimmt den Hörer schon mit den ersten Takten gefangen. Das Cuarteto mischt Hits wie „Adios Nonino“ mit unbekannten Nummern. Grandios: Michael Dolaks Version des Bandoneon-Bravourstücks „Tristezas de un Doble A“.

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