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Der Kleine Saal der Elbhilharmonie, hier noch bei der Vorab-Pressekonferenz.

Elbphilharmonie

Der Duft von Gegenwart und Holz

Eine Heimstatt für das (noch) Unbekannte: Das Ensemble Resonanz eröffnet nun auch noch den Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie mit Haas, Berg, Bartók.

Von Achim Ost

Im Publikum ist der Irrtum weit verbreitet, dass ein Konzert beginnt, wenn der Dirigent es will. John Cage hatte mit diesem Irrtum aufgeräumt und klar gemacht: In Wahrheit beginnt ein Konzert, wenn das Publikum bereit ist zu lauschen. Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie waren breite Ströme von Streichermusik in fremdartigen harmonischen Schichtungen und Verläufen zu hören, von Musikerinnen und Musikern oben an den Ecken des Raumes auf der Galerie über dem Publikum, das den Saal murmelnd und lachend füllte.

Man grüßte, tauschte prä-konzertanten Smalltalk, beschaute und kommentierte den Saal, die schönen und eigentümlich gefrästen Holzarbeiten seiner Täfelung und war damit schon ein Klangkörper im Konzert geworden. Dessen erster Teil hieß „Release“ und war die Uraufführung einer Auftragskomposition von Georg Friedrich Haas durch das Ensemble Resonanz unter der Leitung von Emilio Pomárico.

„Release“, Befreiung, eine vieldimensionale Titel-Wahl. Haas hat das Werk der US-amerikanischen Sexualtherapeutin und Künstlerin Barbara Carellas gewidmet, was die Aufmerksamkeit noch einmal weit hinaus über die endlich der Öffentlichkeit übergebene Elbphilharmoniehinaus öffnen kann. Es ist ein Werk, das sich kraftvoll, eigensinnig und innerlich überaus bewegt verströmt und trotz aller harmonischen Raffinesse und Obertonseligkeit gar nicht daran denkt, auch nur eine Sekunde lang akademisch zu klingen.

Heimstatt für das Unbekannte

Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz ließ es sich nicht nehmen, auch den Kleinen Saal mit einer Festrede und höchstselbst zu eröffnen. Immerhin geht es hier um die Seele des elbphilharmonischen Musikbetriebs, die experimentelle, der Gegenwart und dem (noch) Unbekannten zugewandte Seite der Musik, die hier eine Heimstatt haben soll: Das ensemble in residence ist hier das Ensemble Resonanz, einst aus der Jungen Deutschen Philharmonie und der Deutschen Ensemble Akademie in Frankfurt hervorgegangen. Nun hat es eine zweite Spielstätte bekommen, an einem hervorgehobenen Ort der Stadt, den es vorbildlich zu nutzen weiß und dessen repräsentative Bauweise ihm allerlei neue Möglichkeiten eröffnen: release! Das Holz im Raum strömte noch den Duft einer frischen Lasur aus und die geriffelten kleinen Wellenformen der Täfelung ließen wenig von der resonanten Wärme hören, die man beim Anblick der Eichentäfelung erwartet hätte.

Im zweiten Werk des Abends, Alban Bergs „Sieben Frühe Lieder“ von 1908 in einer orchestralen Bearbeitung von Johannes Schöllhorn, fiel auf, dass die Transparenz des Ensembles vortrefflich war, die Präsenz der wunderbaren Stimme Sandrine Piaus im Saal aber fragil wirkte. Das kam der klanglichen Vielschichtigkeit, die Schöllhorns Bearbeitung den Liedern hinzufügte, allerdings durchaus entgegen.

Der dritte Teil war Bartóks Epoche machender „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ gewidmet, das Ensemble Resonanz ergänzte sich mit dem Schlagquartett Köln. Zwar eignet dem klassisch geformten Kleinen Saal nicht das Spektakuläre des Großen, zwar scheint (in beiden Sälen) an den akustischen Bedingungen noch nicht alles perfekt, aber was hier geboten wird, bietet wunderbare Aussichten auf Gegenwart und Zukunft.

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