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Dry Cleaning: „Stumpwork“ - Stellenweise launisch, aber auch freundlich

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Von: Christina Mohr

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Die vier von Dry Cleaning.
Die vier von Dry Cleaning. © Ben Rayner

Dry Cleaning und ihr nachdenkliches Zweitwerk „Stumpwork“.

Should I propose friendship?“ Nach diesem Satz, nicht selten der erste gedankliche Schritt zur Beendigung einer noch nicht begonnenen Beziehung, passiert eine ganze Weile nichts. Okay, nicht wirklich nichts, aber das mehrere Takte andauernde Ambient-Percussion-Mäandern wirkt, als müssten Dry Cleaning erst mal sacken lassen, was ihre Vokalistin Florence Shaw zu Beginn des Songs „Anna Calls From The Arctic“ von sich gegeben hat. Und überlegen, was noch folgen kann, wenn ein Album mit Schlussmachen anfängt.

Nach einiger Zeit schaltet sich Shaw doch wieder ein und sinniert über den Alltag: „I see shit everywhere“, oder auch „things are shit / but they’re gonna be ok“, befindet sie in ihrem beiläufig-lakonischen Stream of Consciousness, der schon „New Long Leg“, das vor anderthalb Jahren erschienene Debütalbum der Südlondoner Band, auszeichnete.

Kurz nach Veröffentlichung des Debüts gingen Dry Cleaning wieder ins Studio – wieder mit Producer John Parish, um beim „schwierigen zweiten Album“ möglichst wenig Druck aufkommen zu lassen. Denn es war klar, dass Nick Buxton, Tom Dowse, Lewis Maynard und Florence Shaw den Kurs des Erstlings verlassen mussten, zumindest graduell. Zu groß war die Gefahr, als Kunstschulen-Projekt abgestempelt zu werden, das sich allein auf die Originalität ihrer buchstäblichen Sprecherin Shaw verlässt.

„Stumpwork“ erweitert Dry Cleanings Kernsound, der auf Post-Punk aufgebaut ist und mit Slow Rock, Jazz und meditativem Ambient variiert wird. Im Gegensatz zum dringlichen Debüt ist die Stimmung gedämpfter, milder, nachdenklicher – nicht zu verwechseln mit müde oder lustlos: „Stumpwork“ ist stellenweise kühl und launisch, aber auch lustig und freundlich. Die Stücke sind wie Dioramen gestaltet, mit individuellen Höhepunkten und ambitionierten Instrumentalpassagen.

Das Album

Dry Cleaning: Stumpwork. 4AD/Beggars.

Das bedrückende „No Decent Shoes for Rain“ baut langsam Spannung auf, bis ein schriller Akkord die Stille zerschlägt. Anders als bei zeitgleich populär gewordenen britischen Bands wie Black Country, New Road stehen bei Dry Cleaning nicht die instrumentalen Skills der Akteure und Akteurin im Mittelpunkt. Die Tracks wirken wie gemeinsames Brainstorming, in dem die Vorgaben der anderen achtsam weitergetrieben werden.

Und nicht nur die Musik ist variabler, auch Shaws Performance ist weniger starr (angeblich musste Shaw zum Einstieg bei Dry Cleaning überredet werden – ihre Bedingung damals: kein Gesang, nur Sprechen). Sie seufzt, lacht, summt, und manchmal singt sie sogar ein bisschen vor sich hin. In „Kwenchy Kups“ klingt Shaw wie eine etwas distanzierte, dabei durchaus interessierte Tante („nice idea!“), die das ihr anvertraute Kind trösten muss, weil es keine Otter im Tierpark gibt. Dafür „wooty caterpillars“, das ist doch auch was!

Apropos Tiere: Skurril und traurig ist die Geschichte der entflohenen Schildkröte „Gary Ashby“. Mit selbstquälerischer Klarheit stellt sich Shaw das hilflos auf dem Rückenpanzer liegende und mit seinen kurzen Beinchen strampelnde Tier vor, „with-out me / dogs running free“. Und auch wenn im Shaw im letzten Stück möglicherweise ironiefreie Sinnsprüche abgibt und rät, dass man sich die „Neugier eines Kindes“ bewahren muss, wenn man ein interessantes Leben führen möchte, steht nicht zu befürchten, dass sich Dry Cleaning in Richtung Mainstream bewegen.

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