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Capital Bra entfernt sich von der Straßenhärte.

Neues Album „CB6“

Capital Bra: Rapgewordener Beauty-Talk

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Auf seinem neuen Album „CB6“ mutiert der alle Rekorde brechende Capital Bra zum rappenden Äquivalent eines Youtube Beauty Bloggers.

Eine der Pointen der jüngeren Popkritik ist ja, dass mittlerweile eigentlich alles ok ist. Die bisschen Älteren können längst mögen, was die Jüngeren da machen. Auch das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder das der „Welt“ kann Straßen-Rap feiern. Das geht so seit mindestens Haftbefehl. Sie können sich auf die Schulter klopfen für die eigene Toleranz und die Nähe zu denen, die von Realitäten erzählen, die für viele Autoren meistens weit weg sind. Capital Bra ist derzeit der erfolgreichste Rapper in deutscher Sprache. Mehr Nummer Eins Hits als... Ja, genau.

Was passiert also auf „CB6“, dem nunmehr sechsten Album Vladislav Balovatskys, wie Capital Bra bürgerlich heißt? Zum Inhalt, das ist schnell gemacht: Lauter Autos, lauter Fußballer, Uhrenmarken, Filetsteaks zum Whiskey Cola aus der Dose. Da ist nunmehr eine Welt der Neureichen (aus der Dose?) zu bestaunen, die mich womöglich interessieren würde, wenn da entweder große Verzweiflung oder der Exzess oder meinetwegen auch Witz drin stecken würde.

Capital Bra: ein Dauerlächeln als Maske

Aber auf diesem Album ist Capital Bra meistens zum rappenden Äquivalent der Beauty Blogger bei Youtube geworden. Ganz begeistert von sich und dem Produkt, ein Dauerlächeln als Maske, begeisternd vor allem für Teenager und beruhigend dadurch, dass sich in den Polly-Pocket-Welten Bras mit einfachen Lebensweisheiten zurechtkommen lässt: siehe oben, dicke Autos, Modellfreundin, Schotter. Nach wie viel Lebensfreude das dann klingt, führt „CB6“ eindrücklich vor. Gute Geschichten wirft es zumindest nicht ab.

Dass das Album so mies ist, liegt allerdings weniger an den Marken und Markern, sondern schlicht daran, dass der Vortrag anödet. Wie fast immer in der Kunst geht es ums Wie. Die sprachlichen Manierismen Capital Bras, das gerollte R, die Le-Le-Les – alles schon so oft gehabt, der Witz ist weg, der Druck, keine Höhen, keine Tiefen, so könnte Depression klingen.

Es ist noch Platz zwischen Capital Bra und Kollegah

In Ordnung sind die Beats manchmal, die er völlig besinnungslos klingelt immer und immer wieder. Es ist zumindest interessant, wie Bra (russisch: Bruder) sich von der Straßenhärte, die er auf den älteren Alben noch besang, immer weiter entfernt. Er mag noch rappen von Kugeln und gebrochenen Knochen, er tut es aus einem dürren, dauerlächelnden Körper in melodischem Singsang.

Und zwischen Capital Bra und einem Raptechnik-büffelnden Rap wie Kollegah ist eben immer noch Platz für ganz viele andere Figuren, Ästhetiken, Beats, Geschichten. Anders: Deutschrap ist viel pluralistischer. Einer der interessantesten Rapper derzeit heißt OG Keemo, er kommt aus Mannheim, letztes Jahr kam sein erstes Album. In seiner ersten Single sieht man ihn in einer Lagerhalle sitzen, das Gesicht irgendwann zerschlagen, weniger von den anderen, als den eigenen Zweifeln. Er fragt: „Was ist, wenn der Scheiß funktioniert?“

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