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„Drop it like it’s hot“: Schaden für die Seele?

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Von: Sandra Danicke

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Ein Band, der von der Vielschichtigkeit und überraschenden Referenzen im Pop erzählt.

Man kann sie prima nebenbei hören, zum Aufwachen oder zum Kochen. Allerdings wäre das verschenkt. Zumindest für jene Menschen, denen Popmusik etwas bedeutet. Die die Rafinessen einer Komposition anaylsieren, den Texten Bedeutungen für das eigene Leben zuschreiben. Ein Popsong ist eine Kunst - zumindest gilt das für einen gelungenen Popsong, einen, der womöglich Jahrzehnte überdauert – und sei es nur in einer bestimmten Subkultur.

Der Sammelband „Drop it like it’s hot - 33 (fast) perfekte Popsongs“ spürt dem Phänomen anhand einzelner Lieder nach. Die Autorinnen und Autoren begeistern sich für ganz unterschiedliche Spielarten des Genres. Sie mögen Punk oder Discomusik, Reinhard Mey oder Nick Cave und stellen in kurzen Kapiteln ihre Favoriten vor. Das geht nicht ohne Anekdoten ab, was die Texte charmant macht. Auch weil man hier manches wiederentdeckt, an das man schon lange nicht mehr gedacht hat.

Eine fahle Haut

Michael Holms bemerkenswert raues Frühwerk „Smog in Frankfurt“, das Joachim Bessing zurecht als „erstaunliches Lied“, beschreibt, ist tatsächlich ein verblüffend cooler Song, dessen Zeilen „Smog in Frankfurt / schwarzer Nebel / Liegt in Frankfurt, eine fahle Haut / Die die Sicht mir raubt“ eine Poesie entfalten, die im Verbund mit den sägenden Gitarren eine düstere Film-Noir-Atmosphäre erzeugt.

Das Buch

Uwe Ebbinghaus, Jan Wiele (Hrsg.): Drop It Like It’s Hot. 33 (fast) perfekte Popsongs. Reclam 2022. 192 S., 15 Euro.

Über „Sympathy For the Devil“ von den Rolling Stones schreibt Ex-Ideal-Sängerin Annette Humpe, dass es sie zum Erscheinungszeitpunkt – auch aufgrund seiner Erotik – „sofort elektrisiert hat“. Sie habe überlegt: „Was wollen sie mir sagen?“ Handelt es sich bei dem besungenen Teufel um den Kapitalismus? Fügt das Lied der Seele womöglich Schaden zu?

Dass sich jemand ausgerechnet ein Lied wie Alphavilles „For-ever Young“ als Textgegenstand sucht, ist auf den ersten Blick überraschend. Sofort hat man den nervtötenden Ohrwurm im Kopf und fragt sich – wie so oft im Leben – warum das Gehirn mit Vorliebe Dinge speichert, die man lieber vergessen würde. Nicht nur der hymnische Refrain ploppt auf, auch die toupierte Frisur und die exzentrischen Outfits des Sängers Marian Gold.

Dann erfährt man im Text von Jens Buchholz, dass Alphaville Meister des Smurfing-Pops waren. Auch, was es mit dem Smurfing in diesem Zusammenhang auf sich hat: Es geht darum, popkulturelle Bezüge in mehrere Richtungen anzudeuten, die einander überlagern können. „Bei vielen Zeilen aus ,Forever Young‘ drängen sich einem als Hörer sofort bestimmte Assoziationen auf“, schreibt der Autor. „Man kann sich in dieses Gewebe aus englischen Phrasen, zitierten Songzeilen und ausgeliehenen Song- oder Filmtiteln hineinbetten wie in ein sanftes Popruhekissen.“ Und tatsächlich: Textzeilen wie „heaven can wait“, „and diamonds are forever“ oder „are you gonna drop the bomb or not?“ kennt man aus anderen Zusammenhängen. Damals, in den achtziger Jahren, hat man allerdings auch nicht so genau hingehört.

Was ist der Tower of Power?

Das gilt auch für die schrägen Lyrics von Frank Zappas Stück „Bobby Brown“, einem 1979 erschienen Song voller obszöner Anspielungen, der zum Erscheinungszeitpunkt in Deutschland fröhlich im Radio gespielt wurde. Die meisten Begriffe kannte man damals ja auch gar nicht. Wer wusste in Deutschland schon, dass „dyke“ ein abwertender Begriff für Lesbe ist? Auch heute denkt man bei einem „Tower of Power“ ja noch lange nicht an eine SM-Vorrichtung. Obwohl: ab jetzt vielleicht schon.

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