Musik

Dringlichkeit am weiten musikalischen Horizont

  • schließen

Ein Kracher nach dem anderen: Die Parquet Courts geben im Frankfurter Zoom ein Konzert, das überrumpelt.

Sie selbst sprechen von „Americana Punk“. Das mag zu kurz greifen, in der Tat aber lassen etliche ihrer Songs eine Prägung durch Country erkennen; zuweilen sieht man sich ob des galoppierenden Rhythmus an den Cowpunk erinnert. Doch der musikalische Horizont der Parquet Courts reicht viel weiter.

Aufhorchen lassen die musikalisch wie auch mit Blick auf die politischen Ambitionen geistesverwandten Big Joanie, die das Konzert im ausverkauften Frankfurter Zoom eröffnet haben. Eine Band um drei schwarze Frauen aus London mit Bezügen zu US-Postpunk, Folk und Grunge, von der man noch einiges hören dürfte. Ihr Debüt „Sistahs“ ist als erste Veröffentlichung auf The Daydream Library Series angekündigt, einem neuen Label, das Thurston Moore von Sonic Youth mitgegründet hat.

Ein Kracher auf den anderen, eineinviertel Stunden lang, dann ab und keine Zugabe – es ist ein fulminantes Konzert, das die Parquet Courts hinlegen. „Total Football“, die Eröffnungsnummer dieses Abends wie schon des aktuellen sechsten Studioalbums „Wide Awake!“, bringt: Die heiser skandierende Stimme des Sängers und Gitarristen Andrew Savage, die Energie der Band um den Leadgitarristen und Keyboarder Austin Brown, Sean Yeaton mit seinem federnden, den Sound wesentlich prägenden Bass und den Schlagzeuger und jüngeren Savage-Bruder Max. Da geht alles in aufgefrischter Punkbrachialität nach vorne; im Publikum wird Pogo getanzt.

Ihr erstes Album „American Specialties“ haben die Parquet Courts in DYI-Attitüde zunächst auf Compact Casette veröffentlicht, in garagenhaftem Sound. Obgleich die Mitglieder aus Boston und Texas stammen, ist New York der folgerichtige Standort, denn es ist die Fortschreibung der popmusikalischen Tradition der Stadt, an der sie in einer Mischung aus purer Wucht und einem immens entwickelten Bewusstsein für Stil und Form arbeiten.

Etliche Nummern an diesem Abend, besonders jenes halbe Dutzend, das Brown mit lässiger Coolness vorträgt, klingen psychedelisch, mit Orgelsounds nach Art der sechziger Jahre. Andere wiederum sind mit Funk verschnitten, manche sind gekennzeichnet durch eine perkussive lateinamerikanische Note.

Das gab es natürlich alles um 1980 schon einmal. Doch so offenkundig die pophistorischen Bezüge sein mögen: die Parquet Courts suhlen sich nicht in den Sounds von einst, sie machen Musik von Dringlichkeit. „Wide Awake!“ produziert von Danger Mouse, ist ein Statement zur Ära Trump. Mit blanker Agitation hat das nichts zu tun. Hinter „Total Football“ beispielsweise steht die Idee eines ausbalancierten Verhältnisses von kollektivem Miteinander und Individualität. Es geht um Polizeigewalt wie auch alltägliche Dinge und die Schicksale von an den Rand getriebenen Existenzen. Die Textgehalte gehen in diesem überrumpelnd prallen Konzert selbstverständlich unter. Was kein Schaden ist, sondern lediglich Tatsache. Grandios.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion