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John Lee Hooker 1990 in Clarksdale/Mississippi.

John Lee Hooker

Die Dreifaltigkeit des Blues

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Der alte Mann unter seinem großen Hut: Vor 100 Jahren, am 22. August, wurde der Musiker John Lee Hooker geboren.

Drei Dinge waren ihm sehr recht. Und so breitete sich die Dreieinheit satt aus über dem Delta: diese Stimme, diese Gitarre, ein Bein. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatte der Blues daran ein unzertrennliches Trio. Wobei dreierlei hinzukam: one Bourbon, one Scotch, one beer (so hieß denn auch einer seiner Songs). Das aber war ja noch längst nicht alles, befassten sich doch die grummelnde Stimme, das karge Gitarrenspiel und der stampfende Fuß immer mit der Trinität schlechthin: der Liebe, der Arbeit, dem Vergessen im Alkohol. Und nichts war gut. Gar nichts war in Ordnung. Überhaupt nichts.

Es war allenfalls auszuhalten, so berichtete sein Gesang schleppend. Oft wie mit Urgeduld ging es durch kurze Erzählungen, drei Minuten 50 sollten für eine Geschichte reichen, sechs waren die Ausnahme, dann war Boogie-Zeit. Was John Lee Hooker zu Protokoll gab, breitete er aus in Bruchstücken, denn Hooker erkor das Fragment zum Erzählmuster des Blues. Prinzip äußerste Sparsamkeit galt in diesem wichtigen Punkte. Prinzip zwei widersprach dem komplett. Hooker, sagt die Statistik, schuf wohl mehr als 500 Titel. Und wie viele Frauen erschuf sich der Mann?

Shake it, Baby

Annie Mae beschäftigte den Einsamen Tag und Nacht. Gurrend beschwor er die wahre Liebe, aufdringlich wurde er gegenüber seiner Liebsten, der Sünde. Und wenn Mama das Kind nicht ziehen lassen wollte? Uninteressant. Und wenn der Alte den Kontakt zur Tochter untersagte? Nicht sein Bier. Shake it, Baby. Los jetzt! – so ging sein Psalm, der unmissverständliche Forderung und sanftes Werben zugleich war. Und am Ende hat sich die Stimme des Mannes in die letzten Akkorde der Gitarre hineingeflätzt, sparsam, aber mit Nachdruck. Damit schloss die Stimme ewige Freundschaften: in den USA, im Mississippi-Delta, in Europa, links und rechts vom Rhein.

1976, im Kölner Audi-Max, eine Konserve erinnert daran, kündigte eine deutsche Stimme im künstlichen US-Akzent John Lee Hooker an als die lebende Blues-Legende schlechthin. Damals war das eine honorige Übertreibung. Am heutigen Tag ist dies eine heillose Untertreibung. Denn aus der Distanz stellen sich die musikalischen Würdigungen Hookers durch Jimi Hendrix oder Eric Clapton, durch Eric Burdon oder Van Morrison dar wie langsam getaktete Loblieder für die Ewigkeit. Denn dazu fühlt sich der Blues ja berufen, und so waren es auch die Animals, die, früh schon, Hooker-Titel coverten („Boom Boom“, „Dimples“).

Im Juni 1976 kam er nicht allein. Jim Kahr, er ein besonderer Gitarrist, begleitete den Endfünfziger in der Fremde einer deutschen Universitätsaula. Prinzip Zwiesprache mit den Jungen: Darum ging es Hooker immer. Der alte Mann und das Heer der Blues-Kinder, die von ihm aufgezogen werden mussten. Schon dieses Kölner Konzert muss ungeheuerlich gewesen sein, und weil die schleppende Erzählung lange währte, kam sie chronisch gut. Natürlich durfte Kahr seine Saiten zuweilen besonders schneidig anreißen. Aber ebenso selbstverständlich war, dass dagegen Hookers Spiel, wie so oft, die Ruhe selbst blieb.

Die Flucht von den Feldern

Für den bereits älteren Mann bestand das Mehr des Blues in einem stoischen Betupfen der Gibson. Und gelassen waren die rauen Worte, die die unendliche Langsamkeit des Seins abklopften. Klar war immer: nur ja nicht über die Stränge schlagen. Die Ruhe selbst bleiben. It serves me right to suffer. Leiden erschien mit einem Male wie ein Privileg der Ausgebeuteten, Leiden, plötzlich, war ein Akt der Selbstbestimmung. Darüber setzte Kahr ein paar sehr harte Akzente – Hooker allenfalls einen traurigen Akkord. Dennoch beschwor er die Veränderung (change) – doch wie die Dinge lagen, rieb sich seine Stimme stammelnd an dem Wort Kette (chain).

Heute vor hundert Jahren, am 22. August 1917 in Clarksdale/Mississippi geboren, trat das Landarbeiterkind als 15-Jähriger die Flucht von den Feldern an. Eine lange Exkursion folgte, durch die Clubs von Memphis, durch die Bars von Detroit. „Boogie Chillin’“ stammt aus dieser Frühzeit, eine Liebeserklärung an die Kneipen Detroits. In den 50er Jahren weitere karge Erfolge, Einsamkeitsprotokolle, Absturz-Berichte, der Blues-Pfad. Roh war das Gitarrenspiel, rau führte die Stimme Klage, der Fuß stampfte den Rhythmus. „Well, Time Is Marching On“. Das war nicht übertrieben, denn was auch marschiert, ist die Zeit. Alles ging seinen schweren Gang. Aber cool bleiben.

Später Riesenerfolg

Dann, spät, trat Riesenerfolg auf den Plan, groß, kräftig und auch ziemlich breitbeinig. 1989 war der Beginn der Chart-Okkupation: mit „The Healer“ wurden die Musikstationen besetzt, und auch MTV verstrahlte die Bilder, auf denen, neben Robert Cray und Albert Collins, Bonnie Raitt oder Ry Cooder, Carlos Santana das vielfach gepriesene Vorbild begleitete. Es wurde ein hübsches Zwiegespräch zwischen Freunden – und der Blues arrangierte sich mit dem optimistischen Vorwärtsdrang des Latin-Rock. Die strenge Kritik, sehr unzufrieden, meinte sinngemäß: Blues für Krethi und Plethi.

Aber der alte Mann, unter seinem großen weißen Hut, hinter seiner teerfarben glänzenden Brille, grinste. Oh süffiger Blues, dem jedoch ein Heilmittel von ganz anderen Graden beigeben ward: „Chill out“, ebenfalls mit Santana, war wieder ein einziges Verschleppen der Botschaft. Ganz böse retardierte die Erlösung. Was im Grunde immer geschah – und man erinnert sich: „I Cover the Waterfront“, gemeinsam mit Van Morrison. Wozu Booker T. Jones einen enormen Orgelton fand. Fett und ruhig wie ein Ölteppich auf tiefen Wassern schwamm der Klang dahin. Und Morrison riss ein wenig an den Saiten herum, und Hooker meinte gurgelnd, der Hafenbezirk sei ein besonders trauriger Ort. Aufenthaltsort einer wehen Hoffnung, Ankerplatz einer verwehten Erwartung, nix zum Glücklichsein. Und dann trollten sie sich, die beiden, mit ihrem Zwiegespräch in die Stille. Denn nichts war gut. Gar nichts, überhaupt nichts.

John Lee Hooker starb am 21. Juni 2001. Was er zu sagen hatte, unterlag dem Wiederholungsgebot. Verfluchte Liebe, verdammte Schulden, vermaledeites Schicksal: die Trinität des Blues. Dazu sah sich John Lee Hooker verdonnert, lebenslänglich. Also erzählte er, ungeheuer schleppend, ungemein karg, die Zeit, die ihm gegeben war, überdauernd.

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