Jahrhunderthalle

Dream Theater: Auf der Überholspur

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In der Jahrhunderthalle erfreut Dream Theater vor allem mit Kunstfertigkeit und Tempo.

Zeitreise im Traumtheater: Auf der Setlist von Dream Theater in der Jahrhunderthalle steht das komplette Album „Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory“. 20 Jahre ist es alt, aber kein bisschen verstaubt. Im Gegenteil: Die Band taucht in einen Jungbrunnen.

Zunächst allerdings stehen in der ersten Konzerthälfte vor allem Songs vom jüngsten Album „Distance Over Time“ an. Die betonen deutlich die zweite Hälfte der Genrebezeichnung Progmetal: schwere Riffs, Doppelpedaldonnerdrums, düstere Stimmung. Der Sound tut sich ein bisschen schwer, die Resonanz beim Publikum ist so lala bei Songs wie „Barstool Warrior“, „Fall Into the Light“ oder „Pale Blue Dot“.

Das ändert sich nach der Pause, während der Charleston aus den Boxen sickert. Jordan Rudess greift an seinem Dreh-Kipp-Schwenk-Keyboard das Motiv auf, denn „Metropolis Pt. 2“ ist ein Konzeptalbum und handelt wohl irgendwie von einem Typen, der sich unter Hypnose daran erinnert, die Wiedergeburt einer in den 20er Jahren (Charleston!) ermordeten jungen Frau zu sein.

Das Fanpublikum ist vom ersten Ton an dabei, von „Act I, Scene One: Regression“ also, denn im Progressive Rock, kurz Prog, sind singletaugliche Titel ebenso verpönt wie Songs, die nur eine einstellige Zahl von Minuten dauern. Auf der Leinwand laufen nun Comicbilder zur Album-Story.

Zweigeteilt wie das Konzert ist auch die Bandgeschichte: Viele Fans trauern bis heute dem 2010 ausgestiegenen Ausnahme-Drummer Mike Portnoy nach, auch wenn Nachfolger Mike Mangini präzise, scharf und schnell in seinem mehrstöckigen Schlagzeug-aufbau turnt. Der Ausstieg war eine Zäsur hin zu straighterem Metal – auch deshalb genießt das Publikum die oft eckigen Metren, schrägen Keyboardklimpereien und kontrastreichen Arrangements von „Metropolis Pt. 2“ von 1999 so sehr.

Im Instrumentalhandwerk kann kaum jemand mit dem Quintett mithalten. Bassist James Myung wummert amtlich, John Petrucci ist einer der flinkfingrigsten Gitarristen. Rudess lässt sich gelegentlich ein portables Keyboard um die Schultern hängen und liefert sich „Wer hat den schnellsten“-Duelle mit Petrucci. Nur die Stimmbandsäge von James LaBrie kämpft mit Abnutzungserscheinungen, die die Soundtechnik nicht ausgleichen kann. Vor allem in diesen typischen Prog-Passagen, wenn nach minutenlangem Überholspurtempo-Instrumentalgefuddel der Sound ins Hymnische wechselt und die Stimme adlergleich über der Klanglandschaft schwebend einsetzen müsste, hebt sie nicht ab.

Zum Glück steht Gesang hier nicht im Zentrum. LaBrie verbringt nur etwa halb so viel Zeit auf der Bühne wie seine Kollegen. So hinterlässt das furiose Finale die treue Fangemeinde nostalgietrunken und selig.

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