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Haben sie ihr neues Album in einer Nacht geträumt?  

Neues Album

The Dream Syndicate: Auf Effektgeräten tanzen

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Avantgarde-Fetzen und Jazz-Splitter: Das neue Album von The Dream Syndicate feiert die Abkehr vom Rock.

Einmal hat sich Steve Wynn als Kopf einer „Psychedelic-Garage-Improvisational-Freakout-Moody-Rockband“ bezeichnet. Gemeinsam mit seinen Kollegen von The Dream Syndicate hat er die erste Hälfte dieser Zuschreibung bereits vor dreißig Jahren zur allgemeinen Zufriedenheit beglaubigt. Die Truppe aus Los Angeles war ein von sengenden Gitarren und unbeugsamer Sturheit dominiertes Vier-Jungspunde-in-Rock-Modell. (Damals mit der unvergessenen Kendra Smith am Bass).

Vorbei. Manchmal müssen sich Dinge ändern, müssen Kammern durchlüftet und neue Platten aufgelegt werden. Mit dem Ausklang der Achtziger beenden auch die Syndikatler ihr Jahrzehntwerk, suchen Zuflucht in Projekt- und Hausarbeit. Vor acht Jahren haben Steve Wynn, Dennis Duck und Mark Walton den alten Namen wieder angenommen, gleich noch Jason Victor und Chris Cacavas eingemeindet – jetzt liegt mit „The Universe Inside“ das dritte Album seit der Wiedervereinigung auf.

Das Album:

The Dream Syndicate: The Universe Inside. Anti / Indigo.

Wynn, mittlerweile 60-jährig und fidel wie selten, hält Wort. Rock ist Historie, das Heute gehört der improvisierten Freakout-Grenzüberschreitung. Erstmals darf jedes Mitglied dieser stilbildenden, aber kommerziell minderbemittelten Gruppe seine Lieblingssounds ungeniert in den Ring werfen. Den Haufen sondierend, finden sich Avantgarde-Fetzen und Krautrock-Brocken, Elektrojazz-Splitter und Siebzigerfusionspartikel. – Für die gewiefte Hörerschaft ein tönender Rätselspaß: Sackweise lassen sich Verweise, Verwandtschaften aufschütten. Fünf Stücke nur auf dieser Veröffentlichung. Das kürzeste misst 7.37 Minuten. Formlos, haltlos ist das nicht. Wir können Menschen in einem glückseligen Moment erleben: Zeitlimits ignorierend, auf Effektgeräten tanzend, allerlei Klangüberraschungen nachlauschend. Haben die Traumtänzer nicht schon Spuren gelegt, früher? Den beseligenden „John Coltrane Stereo Blues“ vor Äonen ins Rockjenseits gedehnt? Die schwerelose Wunderbarkeit „How Did I Find Myself Here?“ in die 2017er Wiederkehr eingewebt?

Höhepunkt hiesiger Jam-Flow-Gelöstheit ist die „The Regulator“ betitelte und mehr als 20 Minuten benötigende Eröffnungsnummer. Dem Song-Format nahe sind nur die 9.33 Minuten von „Apropos of Nothing“, auf denen Schlagzeuger Dennis Duck wiederum vortrefflich marschiert. Cacavas’ Orgel läutet zur Mitte der Strecke die Wende ein, markiert die Zerschlierung aller Strukturen – wie sich das Stück dann aber mit viel Kohle im Heizwerk erhebt und grandios ausrollt, ist eine Sause schönster Art. Wie auch immer: Werfen Sie nur einen Blick auf das wahnhaft psychedelische Cover (und man ist im Bilde).

Es geht die Sage, dass dieses rockferne Musikalbum in einer einzigen dunklen Richmond-Nacht auf einen Ritt heimgebracht worden ist. Saxofonist Marcus Tenney habe geglaubt, der Geist von James Chance sei in ihn gefahren. Und mit einem Male wäre Bowie erschienen, seine Berlin-Fragmente in die Runde gebend. – Übrigens ist zuweilen auch die von Stephen McCarthy bediente und elektrisch verstärkte Sitar zu vernehmen.

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