Oper

Drama in Popfarben

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Young und Stückl entdecken in München Pfitzners "Palestrina" neu.

Obwohl zu den Schlüsselwerken des frühen 20. Jahrhunderts zählend, gehört Hans Pfitzners "Palestrina" doch zu den Stücken, denen man nicht alle Tage begegnet. Der Aufwand ist groß; 39 Solorollen sind zu besetzen, dagegen sind die "Meistersinger" fast Kammermusik. Wagner'sche Dimensionen gehen hier nicht gleichermaßen mit musikalischen Wonnebädern einher. Das (vom Komponisten selbst verfasste) Libretto ist schopenhauerisch-pessimistisch durchtränkt, zugleich mit Kunstphilosophie beladen.

Es geht, kurz gesagt, um den unüberbrückbaren Abgrund zwischen Kunst und Realität, die Unvereinbarkeit von innerem und äußerem Leben, Politik und Geist. Bei der theatralischen Ausarbeitung dieser These kommt es zu dem merkwürdigen Paradox, dass ausgerechnet der prunkvolle Mittelakt, die hochdramatische Debatte der Kardinäle beim Konzil von Trient (1563), zum äußerlichen Höhepunkt und Publikums-Attraktor gerät. Er dient ja eigentlich nur als Kontrastfolie für die in den Außenakten gezeigte "innere" Situation des alternden Komponisten, mit dem sich Pfitzner natürlich selbst porträtiert als Mann zwischen den Zeiten, der sich mehr und mehr der "Welt von gestern" zugehörig weiß.

"Palestrina" wurde jetzt wieder in der Stadt ihrer Uraufführung (1917 unter der Leitung von Bruno Walter; Thomas Mann gehörte zu den beeindruckten Premierenbesuchern) in der dort gewohnheitsmäßigen gepflegten Art auf die Nationaltheaterbühne gebracht. Die ans Pult verpflichtete Dirigentin Simone Young wird die Produktion auch an ihr Hamburger Opernhaus transferieren. Durch viel Wagner- und Strausserfahrung scheint ihr die Musiksphäre Pfitzners vertraut und zugänglich; anders als frühere, beschränkter auf den nationalmusikalischen Stellenwert starrende Stilisten zieht sie auch Verbindungen zu Delius, Vaughan Williams und skandinavischen Spättonalen. Deutlich weniger als etwa Hans Zender erschließt sie Pfitzners Musik aus modernem Strukturverständnis, wozu das artifizielle Archaisieren der Partitur Anlass gegeben hätte.

Schon das filigrane erste Vorspiel mit seinen kirchentonalen Wendungen hätte durch schwebenden, leichteren, die Glashelle der Oberstimmen betonenden Vortrag gewonnen; Simone Young ließ dieses ganz besondere Tonbild konventioneller aus einer Wagner'schen Erdenschwere mit seltsam "klebenden" tiefen Registern hervorgehen. Ruhe und Kontemplation waren zwar beim Fortgang des langen, glücklicherweise ungekürzten, umsichtig gesteigerten ersten Aktes sehr förderlich, doch gab es dann auch anderweitig Unerfülltheiten, besonders bei der blechgepanzerten dynamischen Aufwölbung der von Thomas Mann so liebevoll beschriebenen "Glockenpassage".

In ihrer charakteristischen Interessantheit nicht unproblematisch ist oft die Verkörperung der Titelfigur. Es muss sich um einen gereiften Tenor handeln, bei dem stimmliche Müdigkeitszeichen oder Lädiertheiten in Momenten der Entrückung, Begeisterung suspendiert scheinen - um eine Pfitznerformulierung zu paraphrasieren: Da steigt aus Scherben reine, lautere Stimmglut hervor. Christopher Ventris gab den Palestrina darstellerisch differenziert und nuancenreich, doch fand er stimmlich zwischen forcierter und asthenischer Tongebung keine überzeugende Fasson. Das hohe C im ersten Akt, das als stilles voix-mixte-Leuchten sich hätte einprägen müssen, ging nahezu unmerklich-verhuscht vorüber.

Umso müheloser zeigten sich gewaltige Stimmformate vor allem unter den Kardinälen: Michael Volle als konzentrierter parlando-Sänger (Morone), John Daszak als geschickt drahtziehender, seine Perfidie in gleißende Tenorlinien verpackender Intrigant (Novagerio), Wolfgang Koch als provozierender Zivilist im klerikalen Kollegium (Graf Luna). Von besonderem Gewicht ist die Partie des geistlichen Kunstfreundes Borromeo, den Falk Struckmann überschwänglich-gefühlvoll und mit ausladender Vokalität imaginierte. Die beiden nicht unerheblichen Hosenrollen waren gut getroffen: Gabriela Scherer als Silla, Christiane Karg als noch unverstellt kindlich-naiver Ighino mit betörend lyrischer Tongebung.

Szenisch war ein jugendlich-munteres Team am Werk, das durchaus erfrischend demonstrierte, wie "Palestrina" unschwer seinen Rezeptionspfad findet in Zeiten ästhetischen Wandels. Vor einem halben Jahrhundert waren etwa die Engelschöre eine kaum befriedigend zu bewältigende szenische Anstößigkeit. Nach der Pop-Optik ist Kitschverdacht kein Tabu mehr. So lässt Regisseur Christian Stückl im Schwarzweiß-Einheitsbühnenbild von Stefan Hageneier grasgrüne Nonnenformationen hereinflattern; im Finalakt vereinigt sich das Grün mit dem Pink des Konzilsakts zur farbsymbolischen Harmonisierung von Innen- und Außenwelt. Der Papst entbirgt sich überlebensgroß aus einem Schrein heraus als buddhaförmiges Popidol mit effektvoll klappenden Augenjalousien - man kann das als Geschmacklosigkeit sehen oder als ultimativ-hochaktuelle Papstvergegenwärtigung.

Auch gegen karikaturistische Zutaten wie Stretchcars im zweiten und dritten Akt war wenig einzuwenden. Die Welt der Mächtigen kann gar nicht nichtig genug gezeigt werden. Am Ernst des Künstlerdramas wurde damit nichts abgehandelt. Beide Szenographen kommen von den Oberammergauer Passionsspielen her. Das macht den heute wieder geringeren Abstand zwischen Volkstheater und Opern-"Hochkultur" deutlich und bestätigt, wie nah der Nichtchrist und Antikatholik Pfitzner in seinem Hauptwerk der christlich-abendländischen Bildwelt geblieben war.

Staatsoper München: 1., 8. Februar. www.bayerische.staatsoper.de

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