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Dr. Johns „Things Happen That Way“: Voodoo-Vermächtnis, beschwingt

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Von: Olaf Velte

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Der Pianomann und raue Sänger Dr. John. Foto: Sandrine Lee
Der Pianomann und raue Sänger Dr. John. Foto: Sandrine Lee © Sandrine Lee

Drei Jahre nach seinem Tod erscheint Dr. Johns letztes Album „Things Happen That Way“.

Die Großmutter soll durch die Wohnstube geschwebt sein. Geisteskraft und Zaubersprüche und geheiligte Krumen spenden Wundersames, ein nie versiegendes Murmeln, Wispern, Raunen. Bayou Country, die Mündung des Mississippi River, dunkles, träges Altwasser. Und New Orleans, mürbe, flackernde, sich immerzu erneuernde Stadt. Was wird – an diesem Ort, unter diesen Himmeln – aus einem Jungen, den sie auf den Namen Malcolm John Rebennack getauft haben?

Tief in den Traditionen

Am 6. Juni 2019 ist er verstorben, im Alter von 77 Jahren. Dr. John hat ein halbes Jahrhundert am Klavier gesessen, die Finger bewegt, knapp 40 Tonträger mit seiner Voodoo-Vision beladen. Vergleichbares ist im weiten Rund des Planeten Pop kaum zu haben, eine Musik, die tief in den Traditionen des US-amerikanischen Südens wurzelt, zugleich konsequent verpflichtet dem Willen zu Aufbruch und Entdeckung. Das Vermächtnis des großen New-Orleans-Kartographen ist nun erscheinen: „Things Happen That Way“ reist in zehn Songs durch eines Menschen Zeit, schwerelos.

Die guten Götter haben dem Wunderdoktor dereinst eine Rauheit auf die Stimmbänder gesalbt, das Herz mit Zartheit ausgepolstert. Beides leiht er hier einer 39-minütigen Abschiedszeremonie, die sich in vier Originalen und sechs Cover-Variationen erschöpfen darf. Das Brummen des Honigbären, das Kauderwelschen und Wiederkäuen – wie ehedem jede Zeile durchfurchend, durchleuchtend.

Bevor die geballt-saftreife Ladung seiner Louisiana-Musikantenschar einsetzt, bestreitet der Pianomann Dr. John seinen einsamen „Funny How Time Slips Away“-Auftakt. Und weiß um das Fortschreiten des Tages, die herannahende Stunde der allerletzten Juke-Joint-Bimmelbahn.

Ohne Rührseligkeit, aber mit viel Verve und Witz, biegen alsdann Trompete, Saxophon, Trommel, all die herrlichen, von Menschenhand ergriffenen Instrumente um die Ecke. „Ramblin’ Man“ vom alten Hank Williams wird zum frischesten Country-Blues-Klassiker des 21. Jahrhunderts – ebenbürtig dem Swing-Smasher und vormaligen Traveling Wilburys-Hit „End of the Line“ mit seiner „Well it’s all right“-Ethik.

Die Weggefährten Willie Nelson und Aaron Neville dürfen mitsingen, sich nochmals einbringen ins liebliche Swamp-Psychedelic-Soul-Furioso. Ein Sangeswesen jedoch fliegt höher hinauf und wärmt den kühleren Äther. Die 28 Lenze zählende Katie Pruitt veredelt mit ihrem Singdrossel-Talent das sowieso schon beglückende „Holy Water“ – einer der verbliebenen, starken Dr. John-Eigenkompositionen. Und wo das heilige Wasser durch die Venen fließt, darf auch eine Neufassung des unglaublichen „I Walk On Guilded Splinters“ nicht fehlen.

Im Jahr 1968 auf dem Debüt „Gris-Gris“ erschienen, gerät diese stilbildende Geisterbeschwörung vor dem Hintergrund des Abschiednehmens zum stets gültigen Orakelwerk: Dem uns umgebenden Voodoo-Wahnwitz durchaus angemessen. „Ain’t afraid of no tomcat / fill my brain with poison / walk through the fiyo / fly through the smoke.“

Gospelweisheit lebt

Medicus Rebennack hat die Kammern des Daseins in voller Gänze durchschritten, seine klavierspielenden Hände in den Sud des Heils getaucht. Hier gibt er den Weiterlebenden eine Gospelweisheit namens „Gimme That Old Time Religion“ mit auf den Weg: „It was good for our mothers / It’s good enough for me.“

Ein ruhiges Album ist „Things Happen That Way“, voller augenzwinkernder Schönheit, beschwingt. Eingespielt von einem Kollektiv beseelter Klangmacher. Dort unten, wo der unbändige Fluss in das Endlose mündet, sich Gestern und Morgen nicht mehr unterscheiden. Wo Dr. John noch immer singt. „What’s seen is seen / what’s heard is heard.“

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