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Ferienkurse 1959: Bei einem Vortrag von Karlheinz Stockhausen, mit dem Rücken zum Betrachter steht Luigi Nono.

Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik

„Das Dozieren von der Kanzel behagt mir nicht so“

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Thomas Schäfer, Leiter der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, über die Anfänge vor genau siebzig Jahren, über Stockhausens großen Schatten und den Blick nach vorn.

Herr Schäfer, wie sind Sie selbst zur Musik gekommen, namentlich zur neuen Musik?
Ich bin über das Klavier zur Musik gekommen, habe aber bald festgestellt, dass das Pianistendasein nicht so meins ist. Zudem gibt es ja nicht gerade wenige Pianisten auf der Welt. Ich bin dann zur Musikwissenschaft gewechselt, von der Hochschule zur Universität. Ich habe in Hamburg Musikwissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Für neue Musik habe ich mich schon ziemlich früh interessiert, und glücklicherweise war Hamburg ein Pflaster, auf dem man sich nun nicht gerade mit neuester, aber doch mit neuerer Musik befasst hat. Es gab Veranstaltungen zu Ligeti, zu Henze, zu Stockhausen. So habe ich mich langsam in diesen Bereich hineinmanövriert.

Ist die Grenze zwischen denen, die sich mit neuer Musik befassen, und denen, die das nicht tun, überhaupt noch so scharf? Mir scheint, dass eher mehr Interpreten zwischendurch Zeitgenössisches probieren wollen.
In den achtziger Jahren kam es zu den ersten Gründungen von Spezialensembles, daraufhin gab es vielleicht tatsächlich eine Spaltung. Aber auch ich habe den Eindruck, dass das heute wieder mehr zusammengewachsen ist. Es gibt ja große Dirigenten und Orchester, die immer wieder auch neue Musik spielen, angefangen bei Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern. Die ganz jungen Musiker heute sind schon aus der Not heraus flexibel. Das Bild erscheint mir ein differenzierteres als noch vor dreißig Jahren.

In vielen Bereichen der Kultur gehört der Umgang mit neuen Werken selbstverständlich dazu. Warum ist das gerade in der Musik anscheinend dermaßen schwierig?
Ich nehme das auch immer wieder mit Verwunderung wahr, gerade wenn man auf die zeitgenössische bildende Kunst schaut. Das hat wahrscheinlich mit einer sehr tiefsitzenden und früh geprägten Hörgewohnheit zu tun, mit welcher Musik man aufwächst. Selbst Menschen, die sich intensiv mit klassischer und romantischer Musik beschäftigen, sind zum Teil erstaunlich reserviert gegenüber zeitgenössischer Musik. Auch weil sie einfach zu wenig davon hören. Man muss natürlich auch sagen: Wenn man sich auf ein Stück Musik einlässt, dann dauert das eben eine vorbestimmte Weile, während man bei einem Kunstwerk nach dreißig Sekunden weiter- und zum nächsten Bild gehen kann.

Oder noch schneller.
Übrigens fehlen bei jüngeren Menschen diese Schranken oft völlig, sie begegnen den Klängen viel weniger voreingenommen. Und auch ganz klassische Konzertveranstalter haben Probleme, das Publikum von morgen zu finden. Für uns alle gibt es hier viel zu tun.

Sprechen wir über Darmstadt. Wie muss ich mir Wolfgang Steinecke vorstellen, den Mann, der bereits ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges die ersten Ferienkurse für Neue Musik auf die Beine gestellt hat?
Das frage ich mich auch. Ich habe ihn ja nicht gekannt, ich bin ein bisschen zu jung dafür …

… und er ist früh gestorben ….
…. 1961 bei einem Autounfall. Wenn man ihn auf Fotos sieht, war er eine eher barocke Gestalt. Er war Musikkorrespondent und von Darmstadt aus in Richtung Süden als Berichterstatter unterwegs. Nach 1945 wurde er Kulturreferent in einer Stadt in Trümmern und ohne kulturelles Leben. Er ging zum damaligen Oberbürgermeister und schlug ihm eine Sommerakademie vor. Die ersten Ferienkurse auf Schloss Kranichstein: ein absolutes Novum. Wobei im Prinzip schon alles da war: Kurse für Komposition, Interpretation und Theorie, das war der Dreischritt, bei dem es über die Jahrzehnte blieb.

Was muss das für eine Atmosphäre gewesen sein in diesen allerersten Jahren? Reisten Emigranten an? Blieb man unter sich?
Zuerst suchte man einfach mal den Anschluss. Es waren auch Komponisten hier, die eine, sage ich mal, nicht ganz weiße Weste hatten. Bei Steinecke, das haben wir selber ja in einer Publikation dokumentiert, war es ähnlich. Aber man versuchte eben, einen sehr langen Zeitraum zu überbrücken, wieder Kontakt zu finden zu einer internationalen Klangsprache. Das dauerte eine Zeit.

… ging aber an sich auch überraschend schnell.
Ja, Anfang der fünfziger Jahre war es so weit, dass die jüngere, internationale Generation hier ans Ruder kam, mit Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Bruno Maderna. Steinecke hat das auch sehr forciert und unterstützt, sich mit den jungen Komponisten beratschlagt.

War das eigentlich logisch, dass es Darmstadt sein musste?
Das war überhaupt nicht logisch, das war eher Zufall. Steinecke hatte die Idee und Steinecke war in Darmstadt, so muss man es sehen. Außerdem wurde er von der hiesigen Kulturpolitik unterstützt, das war auch damals nicht selbstverständlich. Sie müssen sich vorstellen, dass es für die Kursteilnehmer sehr schwierig war, überhaupt nach Darmstadt anzureisen. Es gab kein Notenmaterial, es gab wenig zu essen. Aber es gab das starke Wollen, sich nach der Nazi-Herrschaft wieder mit kulturellen Fragen zu befassen und darüber auszutauschen.

Schaut man auf den unmittelbaren Nachkriegsfilm hat man trotzdem den Eindruck, bestimmte Dinge konnten nur gemacht werden, bevor die restaurativen Fünfziger begannen.
Es war auf jeden Fall gut, in den fünfziger Jahren bereits da zu sein. Man brauchte aber offenbar einen Vorlauf. Wenn man auf die allerersten Programme schaut, merkt man, dass zwar Gründergeist wehte, einiges aber auch noch ein bisschen unklar war. Mit Hermann Scherchen, Olivier Messiaen, Edgar Varèse kamen dann große Künstlerfiguren, die das initiiert haben, was man mit Darmstadt auch verbindet: Das Arbeiten an der Avantgarde.

Hat sich der didaktische Impuls in den frühen Jahren mehr auf die Musiker oder auf das Publikum gerichtet?
Es gab immer ein doppeltes Bild. Die Idee einer Akademie richtet sich erstmal nach innen. Komponisten lernen von Interpreten und umgekehrt, und das mit einer deutlich ausgebildeten Diskursebene. Das Konzertprogramm hingegen ist natürlich auch an die Öffentlichkeit adressiert.

Wie dogmatisch muss man sich eine Kanonbildung vorstellen?
Jeder Leiter setzte und setzt da seine eigenen Akzente. Mein Vorvorgänger Friedrich Hommel war auf eine ähnlich breite Palette aus wie ich jetzt, wollte ganz unterschiedliche ästhetische Positionen zeigen, im Konzertprogramm wie auch beim Dozententeam.

Aber Darmstadt war ein Ort, an den man als Komponist passte oder eben nicht.
In den fünfziger, sechziger, noch in den siebziger Jahren gab es vielleicht diese Lager, man war pro oder contra Darmstadt. Das kam auch aus der Entwicklung der fünfziger Jahre heraus, in denen die serielle Musik entwickelt wurde und natürlich auch als künstlerischer Gegenentwurf zur Musik der Nazizeit verstanden werden konnte. Stockhausen etwa war sehr einflussreich in Darmstadt, und es gab die, die dazu gehörten, und die, die das total ablehnten.

Die 68er brachten auch in Darmstadt einen Einschnitt.
Die Entscheidungsprozesse, die von dem jeweiligen Leiter und seinem Team vorgegeben wurden, waren den Kursteilnehmern und Dozenten nicht mehr klar – und das führte zu einem großen Konfliktpunkt 1970. Man hat damals mit einer post-68er-Haltung klar gegen die vermeintlichen hierarchischen Strukturen opponiert, wollte stärker beteiligt werden, auch die Kursteilnehmer griffen hier ein.

Hat das etwas bewirkt?
Es hat immerhin zu einer tiefgreifenden Krise der Institution selbst geführt. Die Ferienkurse wurden grundsätzlich in Frage gestellt. Man sagte: Wir können nicht einfach so weitermachen, es erledigt sich auch nicht auf die Schnelle an einer Weggabelung. Man war kurz davor, die Kurse auszusetzen oder gar einzustellen, hat dann aber entschieden unter anderen Voraussetzungen weiterzumachen. Der 1971er Jahrgang wurde ausgelassen, 72 ging es dann zweijährlich weiter.

Was meinen Sie mit anderen Voraussetzungen?
Heute arbeiten wir ohnehin sehr teamorientiert. Unsere Dozenten sind oft nicht sehr viel älter als die Teilnehmer, insgesamt gibt es heute einen großen Generationenmix. Wegweisende Persönlichkeiten wie Brian Ferneyhough, Chaya Czernowin, Lucas Fels oder Georges Aperghis arbeiten neben jüngeren wie Simon Steen-Andersen, Håkon Stene, Yaron Deutsch, Francesco Filidei oder Jennifer Walshe. Ich achte schon darauf, die jüngere Generation frühzeitig einzubinden. Das verändert auch die Kommunikation. Das Dozieren von der Kanzel, wie wir es hier in Darmstadt ja auch kannten, das behagt mir nicht so.

Kommen Ihnen die scharf dogmatischen Jahre nicht auch erschreckend vor?
Ich finde es eher interessant, wie vehement damals die Sache vertreten wurde. Das war aber auch ganz stark personenabhängig. Stockhausen hat sehr intensiv in die Kurspolitik hineingearbeitet. Er hat Forderungen gestellt, wenn es darum ging, den und die einzuladen und den oder die eben nicht. Bis in die Siebziger war Stockhausen eigentlich die zentrale Figur hier. Er war wie ein großer Schatten hinter der künstlerischen Leitung. Heute gibt es das selbstverständlich nicht mehr.

Zwei Reihen im heute startenden Jubiläumsprogramm machen die Geschichte der Ferienkurse direkt zum Thema.
Ja, richtig. Die eine heißt „Rückspiegel“, die wir mit dem Musikwissenschaftler Ulrich Mosch zusammen konzipiert haben. Sie stellt aus jedem der sieben Jahrzehnte ein charakteristisches Stück vor. Mosch kommentiert das, fächert die Darmstadt-Diskurse auf, vorher hört man das Stück, hinterher ein zweites Mal. Das soll auch ein Publikum ansprechen, das sich mit neuer Musik nicht so gut auskennt.

Das hat Schönberg schon gemacht in seinem Verein für musikalische Privataufführungen.
Natürlich, ein einfaches Mittel, aber es funktioniert. Die zweite Sache, die uns wichtig war, ist die Öffnung unseres umfangreichen Archivs für Künstler. Seit 2010 sind wir ja dabei, unser Archiv zu digitalisieren, eine riesige Datenbank mit Konzertmitschnitten, Programmen, Fotos, Korrespondenz, einigen Videos. Zum Jubiläum haben wir sieben Künstler aus verschiedenen Ländern eingeladen, mit von ihnen selbst ausgewähltem Archivmaterial zu arbeiten. Die Ergebnisse sind ganz unterschiedlich. Das Projekt heißt „historage“, gemeinsam entwickelt mit dem Goethe-Institut. Uns ging es eben nicht um Rekonstruktionen, sondern um die Frage: Was sagt uns das Material von gestern heute noch.

Erstmals ist das Staatstheater wieder dabei. Warum war das so eine riesige Pause, seit 1968, wenn ich es richtig sehe?
Da fragen Sie mich was. Als ich 2009 anfing, habe ich mich verschiedenen Partnern hier in der Stadt vorgestellt, natürlich auch John Dew, dem damaligen Intendanten. Ich merkte schnell: Man unterhält sich, aber es kommt nichts ins Schwingen. Das ist jetzt bei Karsten Wiegand ganz anders. Das war uns beiden früh klar. Jetzt zeigt das Staatstheater zwei Produktionen bei den Kursen …

... Georg Friedrich Haas? neue Oper ?Koma?,die im Mai Uraufführung hatte, und den Musiktheaterwettbewerb.
Genau, fünf junge Komponistinnen und Komponisten können einzelne kurze Szenen präsentieren. Am Premierenabend wird dann ausgewählt, wer den Auftrag für ein abendfüllendes Musiktheater erhält, das 2018 uraufgeführt werden soll. Eine ganz neue, tolle Initiative des Staatstheaters. Wir sind in Anführungszeichen nur Kooperationspartner, haben bei dem internationalen Call geholfen, auch bei der Jurierung der Einreichungen.

Neue Musik kann zum Musiktheater viel beitragen, oder? Zugleich ist es verhängnisvoll aufwendig.
Wir sehen bei den jungen Komponistinnen, dass das ein großes, viel diskutiertes Thema ist. 2014 haben wir einen kleinen Musiktheaterworkshop angeboten. Für uns ist es allerdings schwierig, mit solchen Formaten zu arbeiten. Wir haben ja kein festes Haus, wir sind Nomaden. Und junge Komponisten haben – anders als bei diesem Projekt jetzt – normalerweise keine Möglichkeit, sich in diesem Bereich auszuprobieren. Wenn man tatsächlich einen Auftrag bekommt, dann darf wirklich nichts schiefgehen.

Wird es in 70 Jahren noch Ferienkurse geben?
Ich bin davon überzeugt. Wir, aber auch die Institution muss sich immer weiterentwickeln, um am Puls der Zeit zu bleiben. Sonst verliert man den Anschluss. Wir suchen heute aber auch ganz bewusst den Weg in die Öffentlichkeit. Wir können uns nicht im stillen Kämmerlein aufhalten. Das ist aber auch allen klar. Die letzten 70 Jahre waren auch nicht immer ganz einfach, aber ich bin guten Mutes…

Interview: Judith von Sternburg

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