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Malria! in Kopenhagen. Foto: Lars Schwanderer
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Malria! in Kopenhagen.

Die M-Bands

„M-Dokumente“ der Popkultur: „Die Achtziger klangen wie wir“

Mit ihrem künstlerischen Ansatz und spektakulärem Look prägten die drei „M-Bands“ ein neues Frauenbild, das die Popkultur noch nicht gesehen hatte.

Vor fünfzehn Jahren sagte Elektromusikerin, Labelbetreiberin und Radiomacherin Gudrun Gut dem Onlinemagazin satt.org, dass es noch dauern könnte, bis ihr Buch fertig sei, schließlich habe sie genug andere Dinge zu tun. Und möglicherweise ist genau jetzt der ideale Zeitpunkt für die Veröffentlichung der „M_Dokumente“, der etwas anderen Bandgeschichte, bzw. der Geschichte gleich dreier Bands. Aber von vorn.

Als Gudrun Gut in den späten Siebzigern von Celle nach West-Berlin zog, begab sie sich ohne Umschweife in die kreative Szene. Mit Bettina Köster eröffnete sie in Schöneberg den Laden Eisengrau, verkaufte Schmuck und eigene Strickkreationen. Das Eisengrau entwickelte sich zum Treffpunkt für künftige Künstlerinnen und Künstler wie Blixa Bargeld, der den Laden kurzzeitig übernahm, als sich Köster und Gut mehr aufs Musikmachen verlegten. Gut selbst spielte zunächst in der Punkband DIN A Testbild, kurz mit den Einstürzenden Neubauten, und gründete 1979 mit Bettina Köster und Beate Bartel die Band Mania D., die nur aus Frauen bestand – wie auch die Nachfolgebands Malaria! und Matador. Dass die Namen ihrer gemeinsamen Projekte immer mit einem „M“ beginnen sollten, besiegelten die Musikerinnen in einem internen Vertrag, schreibt Diedrich Diederichsen im Prolog der „M_Dokumente“, ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich im Folgenden keine der üblichen Punk-in-Deutschland-Historien aufblättern wird, wie es sie in letzter Zeit häufig zu lesen gab.

Mit ihrem künstlerischen Ansatz und spektakulärem Look prägten die drei „M-Bands“ ein neues Frauenbild, das die Popkultur noch nicht gesehen hatte. Mehr Avantgarde als Punk, selbstbestimmt und kompromisslos. Die musikalischen Konzepte pro Band unterschiedlich, aber unverwechselbar „M“: Das Trio Mania D orientierte sich an rauem, ungeschliffenem Free Jazz, Gut am Schlagzeug und Köster am Tenorsaxofon improvisierten live.

Die Neuinkarnation als Malaria! brachte Personalwechsel mit sich: Beate Bartel gründete mit Chrislo Haas die Band Liasions Dangereuses („Los Ninos Del Parque“). Dafür kamen Manon Pepita Duursma, Christine Hahn und Susanne Kuhnke zu Malaria!. Das von Bettina Köster ironisch „Mädchenorchester“ genannte Quintett setzte auf ausdrucksstarke Vocals und strebte stringentere Songstrukturen an, die bei den spielerischer agierenden Matador eine geradezu poppige Erweiterung fanden.

Das Buch:

Bartel, Gut, Köster (Hrsg.): M_Dokumente. Mania D., Malaria!, Matador.
Ventil Verlag, Mainz 2021. 184 S., 35 Euro.

Am Bekanntesten wurde der Malaria!-Song „Kaltes Klares Wasser“, dessen Text Bettina Köster nach einer durchfeierten Nacht in den schweren Kopf kam – von Bands wie Chicks On Speed gecovert und auf vielen Punk- und Wave-Compilations vertreten, ist dieses Stück ein echter Underground-Hit, einer der prägnantesten Tracks aus der kurzen, hyperkreativen Ära, als Punk schon tot, die Neue Deutsche Welle aber noch kein Thema war. Oder, in den Worten der Musikerinnen, „Wir klangen nicht wie die Achtziger – die Achtziger klangen wie wir.“

Gelten sie heute als Visionärinnen, hatten es die Musikerinnen damals eher schwer: „Wir haben aber nie eine Plattenfirma gefunden, die in die Band wirklich Geld reinstecken wollte. Wir waren nie bei einem Major, wir waren immer Indie. Vorschüsse oder so was gab es nicht. Wenn ich mir die Geschichten von Inga Humpe oder Ideal aus der Zeit anhöre – das waren ganz andere Verhältnisse“, so Gut über Malaria! in M_Dokumente.

Während die Resonanz in Deutschland eher verhalten war, feierte das Ausland die teutonic „Queens of Noise“, wie sie der legendäre BBC-Moderator John Peel nannte. Auftritte in angesagten Clubs in England, Frankreich, Belgien und immer wieder in den USA waren für Malaria! Normalität, oft zusammen mit Siouxsie and The Banshees oder The Birthday Party, aus denen später Nick Cave and the Bad Seeds werden sollten.

Doch auch in New York City wurde ihr Image nicht immer goutiert. Als Malaria! vor Nina Hagen im Studio 54 spielten, sorgten ihre Outfits für einen Eklat: „Genau, ganz in Schwarz, in Stiefeln und Reithosen und mit roten Nelken im Knopfloch. Wir traten so auf, weil wir uns als Sozialisten sahen und an die deutsche Kultur anknüpfen wollten, bevor die Nazis alles über den Haufen geworfen haben. Und das als Deutsche. Das haben die überhaupt nicht verstanden. Uns war auch nicht bewusst, dass an dem Tag Jom Kippur war. In der Zeitung stand dann nur „German Rockers dare to play on Jom Kippur“. Gudrun Gut erinnert sich an eine politisch weniger heikle, dennoch skurrile Situation: „Wir hatten schon einen komischen Ruf. Wir haben mit irgendeiner Band in Wien gespielt und dann wollten die Typen in der Band unbedingt, dass wir sie auspeitschen. Das war deren Idee, nicht unsere.“

Derlei Anekdoten gibt es viele in M-Dokumente, ebenso wie die zahlreichen Fotos und Konzertflyer, vom M-Bands-Gründungstrio Beate Bartel, Bettina Köster und Gudrun Gut selbst zusammengetragen, flankiert von drei langen Interviews, die die Berliner Musikjournalistin Annett Scheffel führte. Verwundert fragt man sich, warum diese drei Bands nicht so erfolgreich (berühmt waren sie ja schon) wurden wie DAF oder die Einstürzenden Neubauten – die Musikerinnen erklären das Problem desillusioniert damit, dass „Frauenbands trotz ihrer Popularität nicht von den Plattenlabels getragen oder ziemlich in die Pfanne gehauen wurden.“

Der ständige Kampf um Veröffentlichungen und Geld zermürbt die Band, erschöpft lösen sich Malaria! 1983 auf (Bettina Köster: „Wir waren total fertig. 23, 24 Jahre alt und schon total durch“), was aber nicht das Ende der kreativen Wege der M-Musikerinnen bedeutete. Die Akteurinnen sind bis heute künstlerisch aktiv, allen voran Gudrun Gut, die mit ihrem Label Monika Enterprise (M!) ihren Ruf als Elektro-Pionierin und Supporterin weiblicher Acts eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und endlich ist die Zeit reif für die Würdigung der M-Bands: In Berlin feierten die Musikerinnen die Veröffentlichung der M_Dokumente mit einer vier Tage langen Veranstaltungsreihe.

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