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DJ Chris Liebing: „Frankfurt hat bei Musik sehr an Bedeutung verloren“

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Von: Arne Löffel

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„Ich habe mich bei der Produktion völlig frei gemacht“, sagt Chris Liebing.
„Ich habe mich bei der Produktion völlig frei gemacht“, sagt Chris Liebing. © Edith Bergfors

Techno-DJ Chris Liebing über Projekte abseits des Dancefloors und sein neues, überraschend düsteres Elektropop-Album „Another Day (feat. Ralf Hildenbeutel)“

Herr Liebing, in den 90er und frühen 2000er Jahren gehörten Sie zur Speerspitze der bedeutsamen Frankfurter Techno-Bewegung. Wie ist es um die musikalische Strahlkraft Frankfurts heute bestellt?

Das ist bei weitem nicht mehr so glamourös wie früher. Das Layout und der Vibe der Stadt haben die Kreativität erstickt, alles ist viel zu teuer geworden. Es gibt keine bedeutenden Techno-Labels mehr in Frankfurt, Berlin hat sehr viel an sich gezogen, und auch für mich hat Frankfurt, was Musik angeht, sehr an Bedeutung verloren. Ich habe das letzte Mal in Frankfurt im Cocoon Club gespielt. Der hat schon fast zehn Jahre zu.

Wie ist das für Sie persönlich, Sie sind ja Frankfurter.

Genau genommen bin ich Gießener. 1996 bin ich nach Frankfurt gezogen, später dann war die Stadt für mich vordergründig lange Jahre das Zuhause meiner Kinder und ein großer Flughafen. Aber die Kinder sind nun auch umgezogen und ich lebe seit einem Jahr zum Großteil in der Schweiz. Trotzdem ist Frankfurt irgendwie immer noch zu einem gewissen Grad Heimat für mich. Ich habe momentan auch noch eine Wohnung hier.

Ist in dieser Wohnung auch Ihr neues Album entstanden? Immerhin heißt es ja „Another Day (feat. Ralf Hildenbeutel)“. Und Herr Hildenbeutel, der ist ja auch Frankfurter.

Nein, das Album ist hauptsächlich in Ralfs Studio entstanden, und es stimmt, Ralf Hildenbeutel ist auch Frankfurter. Im Grunde, das muss ich hier betonen, würde das Album in dieser Form ohne Ralf gar nicht existieren. Manchmal ist mir ein bisschen unangenehm, dass da mein Name überhaupt drauf steht. Ich bin selbst kein Musiker im klassischen Sinn und kann gar kein Instrument spielen. Von mir kommt der stilistische Input und die Idee, in welche Richtung es gehen sollte. Der Großteil der Komposition und Produktion, das war Ralf. So kann man eigentlich sagen, dass das Album ein Frankfurter Album ist.

„Another Day“ ist für die eingefleischten Fans des Techno-Chris-Liebing gewiss eine ungewohnte Erfahrung. Schließlich ist es nicht der stramme Techno, den man von Ihnen als DJ kennt, sondern ein sehr technoides und düsteres Elektropop-Album mit Vocals und Songstrukturen.

Ich habe mich bei der Produktion von „Another Day“ völlig frei gemacht von den Erwartungen, die meine Fans an mich haben. Schon das Vorgängeralbum „Burn Slow“ tendierte in diese Richtung, allerdings habe ich mich da noch nicht getraut, auch Gesang einzubauen. Aber da meine Fans schon das Vorgängeralbum kaum wahrgenommen haben, habe ich da überhaupt keinen Druck gespürt und das nötige Selbstbewusstsein entwickelt, um „Another Day“ nun so sein zu lassen, wie es ist. Ich produziere ja auch noch viel Techno im reinen Sinne. Das erscheint dann aber auf meinem eigenen Label CLR und nicht bei Mute, wie jetzt „Another Day“.

Haben die Label-Manager von Mute denn gewusst, was da jetzt kommt und wie wenig Chris Liebing in Reinkultur das ist?

Natürlich, und Mute-Labelgründer Daniel Miller hat mich auch sehr darin bestärkt, das Album so zu veröffentlichen. Er hatte auch bei der Auswahl der Musikerinnen und Musiker auf dem Album einen starken Einfluss. Es war eine tolle und intensive Zusammenarbeit mit Ralf und Daniel, der übrigens seit jeher einer meiner größten Helden ist. Daniel ist quasi der ausführende Produzent des Albums. Ich muss mich immer wieder kneifen, dass ich mit ihm zusammenarbeiten darf. Schließlich ist Daniel Miller kein Geringerer als der Entdecker von Depeche Mode, eine meiner absoluten Lieblingsbands.

Seit einigen Jahren ist es absolut nichts Ungewöhnliches mehr, dass Künstler, die ursprünglich aus dem Techno stammen, in andere Genres migrieren. Meist, weil Techno in gewisser Weise als tot empfunden wird und angeblich aus den Clubs keine neuen Impulse kommen. Ist das auch hier der Fall?

Zur Person:

Chris Liebing, Jahrgang 1968, ist Techno-DJ und Produzent. 1996 gründete er das erste deutsche Techno-Label, Fine Audio Recordings.

Bei den German Dance Awards wurde er 2001 als „Bester Produzent“ und
für die „Beste DJ Mix Compilation“
ausgezeichnet. Bei den Dance Awards 2003 bekam er den Titel „Bester nationaler DJ“.

„Another Day (feat. Ralf Hildenbeutel)“ ist bei Mute Records erschienen.

Das sehe ich nicht so, dass aus den Clubs keine neuen Impulse kommen. Ich bin ja als DJ rund um den Globus unterwegs und spiele sowohl in kleinen Locations als auch auf großen Festivals. Ich finde, es obliegt ja auch mir als Künstler, diese Impulse nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu setzen. Ich lerne bei jedem Gig etwas Neues, sehe neue Details, wie sich die Musik und das Publikum entwickeln. Auch meine Performance entwickelt sich und stellt immer wieder etwas Neues dar.

Warum hat sich dann „Another Day“ so entwickelt, wie es nun ist?

Ich wollte schon immer Projekte abseits des Dancefloors machen und eine andere Atmosphäre einfangen. Mit Mute als Plattform habe ich diese Chance und ich habe die maximale Freiheit und Unterstützung bei Daniel Miller gefunden. Natürlich werde ich auch Club-Mixe der Songs produzieren und möchte auch als Live-Act mit dem Album auf Tour gehen.

Wie werden Sie die Sängerinnen und Sänger einbinden? Kommen die alle mit auf Tour?

Nein, das wird wohl nicht immer möglich sein. Ich plane, sie über die begleitenden Visuals einzubeziehen, das ist aber alles noch im Entstehen. Bis zum Tourstart im Sommer 2022 habe ich auch noch ein bisschen Zeit, den Winter über werde ich aber bereits an den Remixen arbeiten.

Dann auch wieder mit der Unterstützung von Ralf Hildenbeutel?

Den Part übernehme ich, Ralf hat genug zu tun mit seinen eigenen Projekten, zum Großteil Musik für TV und Film. Er musste sich für das Album auch richtiggehend Zeit freischaufeln.

Das alles klingt so, als wollten Sie schon immer ein Album mit mehr Songstruktur machen, hätten sich aber nicht so richtig getraut. Haben Sie für das Vorgängeralbum „Burn Slow“ Kritik von den Fans einstecken müssen?

Nein, habe ich nicht. Kritik hätte es wohl gehagelt, wenn es kommerzieller geworden wäre. Diese Gefahr sehe ich bei „Another Day“ auch nicht. Aber ja, im Grunde fand ich diese Art von Musik, die ich in der Tradition von Depeche Mode, Peter Gabriel und The Cure sehe, immer faszinierend. Schon ganz früh, in meinen ersten Produktionen und auch in meinem ersten Club, habe ich versucht, Samples von The Cure zu verwenden und Edits von Depeche-Mode-Songs zu machen. Das hat damals aber beides nur bedingt funktioniert. Vielleicht ist auch jetzt erst die Zeit reif dafür.

Was war denn Ihr erster Club? War der in Frankfurt?

Nein, das war das Red Brick in Gießen. Da hatte ich von 1991 an meine ersten regelmäßigen Engagements als DJ und habe das gespielt, was man damals in Discos so gehört hat. Im Januar 1994 habe ich den Club ganz übernommen, vor allem, weil ich mich dann als Techno-DJ selbst buchen konnte. Das wollte damals nämlich noch niemand, also habe ich mir quasi meinen eigenen Club gebaut. Wirtschaftlich war der Laden ein Desaster für mich, ich habe sehr lange die Schulden abgezahlt. Erfolgreich wurde ich erst, als ich 1995 beim Frankfurter Label EYE-Q Records angefangen und dann mit DJ Good Groove im Omen gespielt habe. Bei EYE-Q Records habe ich übrigens auch Ralf Hildenbeutel kennengelernt, der damals sein viel beachtetes Projekt „Earth Nation“ produziert hat. Das Omen war sozusagen meine DJ-Schule und hat bis heute meine Idee von Techno geprägt. Aber als Kind der 80er hat mich der Sound aus der Zeit vor Techno auch nie losgelassen. Umso glücklicher bin ich jetzt mit „Another Day“, da es meiner Ansicht nach die beiden Welten miteinander vereint und das auch noch auf dem Label, welches mich in den 80ern und auch später noch am meisten beeinflusst hat.

Interview: Arne Löffel

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