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Disarstar. Foto: Andreas Hornhoff
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Disarstar.

Rap-Album

Disarstar: „Deutscher Oktober“ – Auf engstem Raum

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Der Hamburger Rapper Disarstar und sein kapitalismuskritisches Album „Deutscher Oktober“.

Knapp zwei Kilometer liegen zwischen Reeperbahn und Elbchaussee. Ein kurzer Weg von Armut und Drogen auf St. Pauli und zum guten Leben in den großen Villen von Blankenese. Es ist in Hamburg wie in vielen Städten Deutschlands: Die Kontraste können groß sein, oft aber sind es Gegensätze auf engstem Raum.

Durch diesen Raum bewegt sich der Hamburger Rapper Disarstar. Von St. Pauli aus blickt der 27-Jährige auf seine Heimatstadt, wo Armut und Reichtum so nah beieinander liegen. „Meine Stadt ist wie zweigeteilt“, heißt es auf dem Album „Deutscher Oktober“, das in diesen Tagen erschienen ist: Habenichtse und Großverdiener, Obdachlose neben Fußballerfrauen im Range Rover.

Das ist keine neue Erkenntnis. So ist es in Hamburg, so ist es in Frankfurt oder Berlin. Und es ist der Ausgangspunkt vieler Rap-Erzählungen. Meist sind das neoliberale Märchen: vom Aufstieg eines Tellerwäschers zum Millionär, von harter Arbeit und ein bisschen Kriminalität, von alten Freunden, die zu Feinden werden, wegen des Geldes, der Frauen, des Ruhms.

Aber Disarstar, der bürgerlich Gerrit Falius heißt, bricht mit diesen Erzählungen. Das Elend in St. Pauli lässt ihn nicht träumen vom eigenen Aufstieg. Stattdessen befeuert es die Wut auf ein System, das die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgehen lässt. „Soll’n ma‘ die anderen wähl’n geh’n. Als ob die Misere sich ändert / Dein Chef hat 'n Lambo und zahlt dir 8,50. Wer ist hier Gangster?“ Musik als Anklage, Rap als Kapitalismuskritik.

Das ist im deutschen Mainstream noch immer selten. Deutschrap ist zwar politischer denn je: Man rappt gegen Rassismus und die AfD, für Vielfalt und Black Lives Matter. Aber Armut und ihre Ursachen werden kaum thematisiert. Und das, obwohl gerade Menschen mit Migrationsgeschichte überdurchschnittlich von Arbeits- und Perspektivlosigkeit betroffen sind. Kritik an den wirtschaftlichen Verhältnissen kommt bestenfalls ironisch daher; stattdessen: Gucci, Gucci, Bling, Bling. Der Kapitalismus hat den Straßenrap fest im Griff.

Das Album

Disarstar: Deutscher Oktober. Warner Music.

Und so schießt Disarstar auf „Deutscher Oktober“ nicht nur gegen Politiker und Banker, sondern auch auf die eigenen Kolleginnen und Kollegen: Die sprächen nicht über die Umstände, in denen die Menschen lebten, heißt es im Intro des Albums, sondern erzählten den Kids, dass sie nichts wert seien, „wenn sie nicht so eine geile Uhr haben, so ein geiles Auto, so ein geiles Haus“.

Disarstar, der sich als Antifaschist und Antikapitalist bezeichnet und auf Homophobie und Sexismus verzichtet, will es anders machen. Mal aggressiv wie auf „Sick“, mal melancholisch („24/7“), mal mit Blick auf den eigenen Werdegang („Trauma“), um dann den Fokus aufzuziehen und mit „Nachbarschaft“ die Widersprüche des eigenen Viertels aufzuzeichnen: „Du hast 'n Haus am Strand, Pläne sind aufgegang’n / Der Typ auf der Treppe vom Haus gegenüber ist froh, wenn er trinken und rauchen kann.“

In „Australien“, dem vielleicht stärksten, weil eingängigsten Song des Albums, nimmt Disarstar dann erneut die neoliberale Lüge aufs Korn, jeder könne alles schaffen, wenn er sich nur anstrenge: „Fühl mich als hätt‘ ich was verpasst / Ihr geht nach Australien, meine Jungs geh’n in den Knast / Hier wird keiner Astronaut, der Traum geplatzt / In der Nachtschicht bei Burger King / was für ‚Träume verwirklichen‘“.

Die Sprache des Albums ist einfach und klar. Disarstar studiert zwar, ist aber kein Studentenrapper. Rausch und Absturz, der 27-Jährige kennt das Leben im Kiez: Dem Auszug aus dem Elternhaus mit 15 Jahren folgen Alkohol, Drogen, Gewalt und eine Bewährungsstrafe. „Auch so ein Rapperklischee“, wie Disarstar mal in einer NDR-Talkshow sagte. Ein Sozialarbeiter bewahrte den Jugendlichen damals vor dem Absturz, heute will der Musiker selbst helfen, indem er über das schreibt, was ihn umgibt. Er ist ein Idealist, kein Politiker - eine bequeme Position, wie der Rapper weiß: „Ich brauche nicht für jedes Problem, das ich anspreche, einen Lösungsvorschlag.“

Der musikalische Hintergrund, vor dem all das passiert, ist abwechslungsreich, aber weitgehend konventionell: harte Drums und Schusssamples, Autotune und Scratchings. Disarstar produzierte einen Großteil des Albums gemeinsam mit Fayzen und Malte Kuhn im vergangenen Sommer auf dem Land vor den Toren Hamburgs.

Entstanden ist ein klassisches Rap-Album – das fünfte und nach Angaben des Musikers sein politischstes. Hier rappt einer, den das Elend schmerzt und der seinen Kiez doch liebt. Einer, der anklagt, ohne Lösungen zu haben, aber nicht verbittert ist. Widersprüche, die dem Deutschrap gut tun.

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