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Sie kann es oder sie kann es nicht.

Musikbetrieb

Dirigentinnen: Eine Welle, nicht die erste, aber eine starke

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Ein Orchester zu dirigieren, ist ein knallharter Beruf. Nur die Besten haben eine Chance. Mit hunderten Jahren Verspätung stellt sich der Betrieb eventuell darauf ein, dass mehr als drei Frauen darunter sind.

Als Ewa Strusinska 2017 ein Philharmonisches Konzert an ihrer späteren Wirkungsstätte als Generalmusikdirektorin in Görlitz dirigierte, war daraufhin folgender euphorischer Leserbrief von Peter S. in der „Sächsischen Zeitung“ zu lesen: „Wie ein Kugelblitz fuhr diese schmächtige Person auf die Köpfe des Orchesters nieder und ließ von Anfang an keinen Zweifel darüber aufkommen, wer hier das Regiment führen würde. (...) Das war nicht die theatralische Pantomime ihrer Vorgänger, keine eitle Selbstinszenierung, das war konzentriertes Handwerk im Dienst der Sache, eine ungeheure Präsenz und suggestive Strahlkraft. Ein Energiebündel.“

Wer bei den Wörtern „schmächtig“, „Regiment“ und „Energiebündel“ stutzt, sollte sich nicht zu lange damit aufhalten. Peter S. verliert kein Wort darüber, dass Strusinska eine Frau ist, auch interessiert er sich nicht dafür, was sie anhat, wie sie ihre Haare trägt, und selbst ihr Körperbau interessiert ihn nur im Kontrast zum kugelblitzhaften Auftreten. Man darf das nicht gering schätzen. In ihrem bis heute aufschlussreichen Buch „Jenseits vom Mythos Maestro. Dirigentinnen für das 21. Jahrhundert“ bietet Anke Steinbeck listenweise Beispiele dafür, wie Rezensenten bei Dirigentinnen nicht auf die Beschreibung ihres Äußeren verzichten wollen. Wollten. Steinbecks Buch erschien 2010, schon ihr fiel auf, dass das rückläufig ist. Dass sich parallel dazu viele Dirigenten zunehmend auffällig kleiden (das heißt, dass sie nicht zwingend einen Frack oder einen dunklen Anzug tragen) lockert die Situation auf.

Ewa Strusinska: „Ich kenne nichts Besseres, aber einige Frauen verlieren das Interesse, weil sie Familie wollen.“

Das sind keine Petitessen. Um ein Orchester herum – einer so hierarchischen wie für Außenstehende geheimnisvollen Formation – haben Symbole einen hohen Stellenwert. Eine Dirigentin und ein Dirigent haben Menschen vor sich und im Rücken und alle starren hin.

Joana Mallwitz: „Mir selbst fällt jetzt nicht jeden Tag so auf, dass ich eine Frau bin.“

Die Frage, sagt Mary Ellen Kitchens, Vorstandsfrau des Archivs Frau und Musik in Frankfurt, sei gar nicht so sehr, ob Frauen anders dirigieren (obwohl das natürlich ein Thema sei). Die Frage sei bei jeder und jedem, wie sie und er sich auf dem Podium zeige, was für eine Präsenz er und sie habe. Eine Frau am Pult, meint Kitchens, werde vermutlich noch nicht den Stab weglassen, Symbol ihrer Rolle und Hilfe bei der erforderlichen Deutlichkeit. Ungenaues Schlagen, eine Katastrophe. Wird Frauen das häufiger vorgeworfen als Männern? Nein, inzwischen nicht mehr, meint Kitchens, aber eine Frau wolle vielleicht trotzdem das Risiko nicht eingehen.

Zur Sache

Beim Frankfurter Opern- und Museumsorchesterzum Beispiel gibt es aktuell 68 männliche und 44 weibliche Festangestellte. Schon in den 50er Jahren gab es hier vereinzelt Frauen, und zwar am Cello, dessen Spiel wegen der dafür erforderlichen Beinhaltung bei Frauen als skandalös galt. Seit Anfang der 90er steigt der Frauenanteil kontinuierlich. In Frankfurt dirigierte schon in der Gielen-Ära Anfang der 80er die Amerikanerin Judith Somogi (1937-1988).

Insgesamtbeträgt der Frauenanteil in deutschen Orchestern heute 41 Prozent. Bereits seit 2001 studieren an den Musikhochschulen mehr Frauen als Männer, bei den 25- und 45-jährigen Orchestermitgliedern dominieren die Frauen bereits jetzt.

Die 34-jährige Joana Mallwitz in Nürnberg, die 45-jährige Anna Skryleva in Magdeburg, die 58-jährige Julia Jones in Wuppertal, die aus Sicht von Peter S. kugelblitzhafte 43-jährige Ewa Strusinska in Görlitz und bis vor wenigen Wochen die 40-jährige Ariane Matiakh in Halle: Sie sind an einer Hand abzuzählen, die Generalmusikdirektorinnen in Deutschland, aktuell vier von etwa 130. Aber der Schwung sei da, sagt nicht nur Kitchens. Auch Burkhard Bastuck, Vorsitzender der Frankfurter Museumsgesellschaft, die unter anderem die Konzerte des Opern- und Museumsorchesters in der Alten Oper betreut, erklärt: Im Grunde sei der Bedarf an Dirigentinnen gegenwärtig nicht zu decken. Viele Namen, um die sich die Museumsgesellschaft bemühe, seien gar nicht mehr zu bekommen. Ein ernstzunehmender Wandel, glaubt Bastuck: „Wir sind neugierig“, sagt er als Veranstalter, und das Publikum wolle neue Erfahrungen machen und reagiere begeistert.

Julia Jones: „Schade, ich habe gehofft, ich schaffe es in diesem Interview ohne dieses Thema.“

Dirigentin oder Dirigent zu sein, ist ein krasser Beruf. Auch da hat Peter S. aus Sachsen recht. Übung macht die Meisterin und den Meister. Auch wenn es üblich geworden ist, sich Videos anzuschauen, an denen man von anderen lernen kann, nützt das wenig, wenn man vor einem Orchester steht. Selbst der beste Imitator scheitert, wenn es dann um ein anderes Stück geht. Zu dirigieren, sagt Kitchens, sei im Grunde ein Lehrlingsberuf. Man müsse bereit sein, auch jahrelang Bleistifte herumzutragen.

Und man braucht die Gelegenheit, Orchester zu dirigieren. „Frauen erhalten in diesem sehr konservativen Business oftmals nur eine einzige Chance“, sagte die große amerikanische Dirigentin Marin Alsop (63), bevor sie im vergangenen Jahr die Leitung des ORF-Radio-Symphonieorchesters übernahm. Müssen Dirigentinnen darum genialer, intelligenter, technisch begabter sein? Das wäre möglich. Nutzen die Förderprogramme, die sich speziell an Dirigentinnen richten, etwa der nagelneue Maestra-Dirigentinnen-Wettbewerb, der in Paris Mitte März erstmals startet? 300 Bewerbungen, sagt Kitchens, immerhin. Bastuck, der den Internationalen Solti-Dirigentenwettbewerb leitet, berichtet, dass die Zahl der Bewerberinnen zuletzt recht stetig bei 13 bis 15 Prozent liege. So bleibe das Verhältnis auch in Richtung Halbfinale. „Aber es sind eben wenige.“

Was hat sich also verändert? Die Rolle des Dirigenten, nun also auch der Dirigentin, das Verhältnis zum Orchester, die Zusammensetzung der Orchester. Das Publikum. Kitchens macht es Vergnügen, dass selbst die Manager der größten, der A-Orchester heute nach links und rechts schauten und durchaus registrierten, wenn die Konkurrenz mehr Dirigentinnen beschäftige. Wobei sie nicht leugnet, dass es für Frauen immer noch umso schwieriger wird, je renommierter das Orchester ist. Da gebe es eine klare Hierarchisierung, wie überhaupt starke Hierarchien das Bild prägen.

Viele Dirigentinnen, gerade der Generation der heute 25- bis 45-Jährigen, haben selbst nur wenig Lust, über das Thema zu sprechen, sagt Kitchens. Sie kann das nachvollziehen, die Hauptsache sei doch, sagt sie, dass junge Musikerinnen sehen könnten: Auch dieser Beruf stehe ihnen offen. Nun gelte es, auf dieser Welle zu reiten, die nicht die erste, aber eine starke sei.

Vielleicht ist der Spott einer Gönnerhaftigkeit, die Gönnerhaftigkeit einer Verwunderung, die Verwunderung einem Respekt, der Respekt einer Nüchternheit gewichen. Sie kann es oder sie kann es nicht. Er kann es oder er kann es nicht. „Ich muss ihnen nicht zeigen, dass ich der Boss bin, glaube ich“, sagte die Finnin Eva Ollikainen einmal, „aber ich muss zeigen, dass ich die Partitur kenne.“ Nächste Saison wird die 38-Jährige als Nachfolgerin eines Franzosen Chefdirigentin des Isländischen Sinfonieorchesters. Hinter allem steckt immer auch ein knallharter Konkurrenzdruck.

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