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Hans Zender im Februar 2001 in Köln.

Nachruf

Dirigent Hans Zender: Klassische Tradition, eigensinnige Avantgarde

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Zum Tod des Komponisten und Dirigenten Hans Zender.

Zu seinem 80. Geburtstag hatte man ihn noch in Frankfurt erleben können – Hans Zender. Nicht mehr als den ebenso differenziert agierenden wie animierenden Dirigenten, wohl aber als den Mentor der jeweiligen Auftritte und als den glänzenden und scharfzüngigen Redner, der er zeitlebens war.

Einer der Abende fand bei Happy New Ears statt, jener Frankfurter Werkstattreihe, deren Format als erklärende Konzerte zeitgenössischer Musik Hans Zender, der 1936 in Wiesbaden geboren wurde, in den 80er Jahren mit dem Ensemble Modern und der Oper Frankfurt etablierte. Ein Projekt missionarischen Elans, das eine Sentenz John Cages für reformatorische Gemeindebildung ummünzte: Neue Musik, jene vielen Musikliebhabern verschlossene Welt der ungewohnten und unverständlich bleibenden Klangbildungen, in Wort und Ton nahezubringen. Die neuen Töne in neuen Ohren als ein Sauerteig, beflügelnd die für sie Brennenden und widerstehend den Zumutungen einer als durch und durch verderbt geltenden Welt des globalen Klangbreis, der aus allen Lautsprechern quillt.

Der Eifer, mit dem Zender dieser Aufgabe nachging bis hin zur Hans und Gertrud Zender Stiftung, die 2004 gegründet wurde und der „Förderung und Unterstützung der Neuen Musik“ dienen soll, war ein herausragendes Kennzeichen seiner künstlerischen Physiognomie. Ein anderes seine pädagogische Qualität, die den einstigen Studenten der Frankfurter Musikhochschule 1988 für zwölf Jahre auf einen ihrer Lehrstühle für Komposition brachte.

Zender war bereits mit 27 Jahren Chefdirigent der Oper in Bonn geworden, hatte leitende Positionen in Kiel und Hamburg (GMD) sowie Saarbrücken (Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters) und beendete seine letzte leitende Position als ständiger Gastdirigent beim SWR Sinfonieorchester in Baden-Baden und Freiburg 2010. Während all der Zeit war das umfängliche kompositorische Werk in allen Gattungen, von der Oper bis zum Lied, kontinuierlich gewachsen. Im Gegensatz zu vielen Musikern der Neuen Musik war Zender ein ernstzunehmender Akteur auch in Hinblick auf deren Kreation. Das Stichwort von der Kapellmeistermusik, das für den einen oder anderen seiner dirigierenden und zugleich komponierenden Neue-Musik-Kollegen gelten konnte, griff hier nicht.

Zender war in seiner gestalterischen Produktivität gänzlich autonom. Beeinflusst ursprünglich zweifellos von der Ästhetik des ihm nahestehenden Komponisten Bernd Alois Zimmermann: eine frühe Synthese aus Momenten herkünftiger Klangsprachlichkeit mit eigensinniger, avantgardistischer Konstruktivität.

Bei Zender schälte sich dabei zusehends ein regelhaftes Modell kompositorischer Ordnung heraus, das sich zuletzt zu einer ausdifferenzierten Systematik extrem weit unterteilter Mikro-Tonalität ausgewachsen hatte. Vielfältigkeit figuraler Eindrücke bekam mit Zenders 72-Tonmusik größte Geschmeidigkeit. Zender war einer der atmosphärisch ansprechendsten, farbig reichsten und harmonisch biegsamsten Komponisten in Deutschland. In ihm hatte deutsche Ordnungs-Ästhetik (die sich von teutonischen Expressivo-Gedräue gänzlich fernhielt) den missing link zur frankophonen Klang-Spektralität.

Aber auch in Hinblick auf eine retrospektive, fast neo-klassizistische Dimension des aktuellen Komponierens war Zender ein Markstein. Seit seiner Bearbeitung der „Winterreise“ Franz Schuberts für 24 Instrumentalisten von 1993 erfolgten immer wieder „komponierte Interpretationen“ der klassischen Tradition. So etwa Orchestrierungen von Werken Robert Schumanns oder Ludwig van Beethovens. Zur Bearbeitung von dessen „Diabelli-Variationen“ unter dem Titel „33 Veränderungen über 33 Veränderungen“ von 2011/12 äußerte sich der Komponist bei seinem letzten Auftritt bei „Happy New Ears“ kurz und deutlich: „Beethoven wird wirklicher“.

Am Dienstag ist der mit dem Frankfurter Musikpreis und dem Goethepreis der Stadt Frankfurt Ausgezeichnete an seinem Wohnort Meersburg gestorben.

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