feu_Dion2cDavidGodlis_140720
+
Dion di Mucci.

Dion di Mucci: „Blues With Friends“

Er malt nicht den Teufel an die Wand

  • vonPhilipp Kause
    schließen

Wie ein bunter Sampler: Dion di Muccis Album „Blues With Friends“.

Keine Sorge, Blues muss nicht durchweg vor Schwermut triefen. „Blues With Friends“ passt sich auch benachbarten und „befreundeten“ Musikstilen an. Der Sänger Dion di Mucci ist mit Brian Setzer befreundet, dessen lässiger Rockabilly auch dem Blues artverwandt ist. Dass die twangenden, frechen Töne des Gitarristen Setzer heute noch überzeugen, zeigte bereits der Charts-Erfolg seines Stray Cats-Comebacks „40“ im vergangenen Jahr. „Uptown Number 7“ rockt als kerniger, sägend durchgespielter, dumpfer Track mit tollen Gitarrenriffs, über eine New Yorker U-Bahnlinie, die vom Bezirk Queens in die 34th Street, Manhattan führt, die „7“.

Sehr viel mehr als die Basiszutaten (Gitarre, Bass, Drums) nutzt der Track „Stumbling Blues“, der „stolpernde Blues“. Ein Barpiano nebst zarter, weicher Saxophon-Verzierungen lassen zwar mehr Swing- als Blues-Feeling aufkommen. Genau darin liegt aber einer der dramaturgischen Kniffe der Platte.

Ein weiterer findet sich im herausstechend ruhigen Folk-Soul-Duett „Song For Sam Cooke (Here In America)“. Für diese Nummer kehrt extra Dions Zeitgenosse Paul Simon (von Simon & Garfunkel) aus dem Rentnerdasein zurück. Simon startete, wie auch Dion selbst, im Doo-Wop-Boom. Während er am College und dann mit Tico & The Triumphs erst Boogie und Doo-Wop machte, bevor er sich Folk zuwandte, verlief es bei Dion di Mucci ähnlich. Beide stammen aus NYC, Dion Francis di Mucci mit italienischen Vorfahren. Seine erste Combo gründete er 1957 mit den Teenagern Angelo, Carlo und Fred, die ebenfalls in der Belmont Avenue wohnten und in italo-amerikanischen Familien aufwuchsen: Dion & The Belmonts.

Das Album

Dion di Mucci: Blues With Friends. Ktba Records / Rough Trade.

Der am 18. Juli 1939 geborene Sänger ist heute somit nach Jerry Lee Lewis der dienstälteste Musiker, der aus der ersten Welle des Rock’n’Roll am Leben und zudem sogar noch aktiv ist. Auf Rockabilly und poppigen Rock’n’Roll folgte 1967 die LP „Dion“ samt einer genialen Fassung von Leonard Cohens „Sisters Of Mercy“ und der Biographie-Ballade „Abraham, Martin and John“ über Lincoln, Martin Luther King und Kennedy. Aus dem pomadefrisierten Teenie-Sänger wurde ein ernstzunehmender Storyteller.

Dion di Mucci blickt auf 33 Alben zurück, covert sich nun im religiösen „Hymn to Him“ selbst, als Akustik-Gospel-Rock. Es fällt auf, dass man im Bluesmilieu ja sonst eher den Teufel an die Wand malt als „Him“, Gott, zu besingen. Anders hier, denn der tiefgläubige Dion hat sich sogar einige Zeitlang in der Bekehrung von Gefängnisinsassen zu einem christlich-moralischen Leben engagiert. Was er trotz göttlicher Präsenz ganz bluestypisch bejammert, sind fehlendes „money on my bank“ („I Got Nothin’“) und die ausstehende Liebe der Angebeteten („Blues Comin’ On“) .

„I Got Nothin’“ verkörpert den Prototyp des elektrischen Blues unserer Tage. Zu dieser Gattung zählen 8 der 14 CD-Tracks. Zwei E-Gitarreneinsätze ragen heraus: Derjenige der relativ harten, großartigen Samantha Fish, 31, Tochter einer Kirchenchorleiterin aus Kansas, aber in Thüringen bei Ruf Records unter Vertrag, und die elegischen Töne des Londoner Altmeisters Jeff Beck, 76. Der Track mit ihm nippt am Schweiß des Hillbilly, der in Dions Anfangsjahren in war. „I Got the Cure“, ein Highlight der LP, spult auch ein paar Jahrzehnte zum Stax-Sound von Memphis zurück, der den Blues im Filmklassiker „Blues Brothers“ prägte, nicht ganz so soulig, aber artverwandt.

„Blues With Friends“ schwächelt ein bisschen, wenn es darum geht anzurühren, wie es etwa Peter Frampton auf dessen Abschiedsalbum „All Blues“ 2019 vortrefflich gelang. Andererseits lotet Dion di Muccis Platte weitaus mehr Tonalitäten und Stimmungen aus, als dies etwa Beth Hart oder Kenny Wayne Shepherd, heutige Ikonen, auf ihren aktuellen CDs tun. Dions Platte hält die Musikhistorie des Delta Blues hoch und verwebt sie mit dem State of the art.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare