Jerry Lee Lewis in Frankfurt

Dieser nagelnde Ton

Ein Boogie wie von Hunden gehetzt: der greise Jerry Lee Lewis in der Höchster Ballsporthalle in FrankfurtVon Jamal Tuschick

Von Jamal Tuschick

Jerry Lee Lewis in the beginning, people seem to forget he was as big as Elvis was, for a little while". Lemmy Kilmister

Nur die englische Königin ist länger im Geschäft als der Killer. Seinen nom de guerre verdankt Jerry Lee Lewis robusten Einsätzen zur Zeit der Morgenröte des Rock´n´Roll. Als das Handbuch für handelsübliches Rockerverhalten der Welt gerade zugestellt wurde. (Was für eine schöne Aufgabe: Im Erstmaligkeitsfuror auf der Bühne Klaviere in Brand zu setzen und das nicht insgeheim für kalten Kaffee halten zu müssen.) Im Übrigen war Jerry Lee Sweet Little Sixteen zu alt. Wäre es nach seiner Mutter gegangen, hätte er, down in Louisiana, das Wort des Herrn verkündet wie jeder Priester. Bekanntlich kam es anders, es kamen - um einmal Chuck Berry ins Spiel zu bringen: "Memphis, Tennessee", "Whole Lotta Shakin´ Goin´ on" und "Great Balls Of Fire"

John Lennon küsste ihm dafür die Füße. Ein großzügig abgewogenes halbes Jahrhundert nach dem ersten Aufschrei ist nur noch einer am Start, der bei einer Sternstunde des Rock´n´Roll, der 1956 er Sun Session (unter anderem mit Carl Perkins) dabei war. "Last Man Standing" heißt folgerichtig die halbwegs aktuelle amtliche Ansage von Jerry Lee Lewis.

In der Höchster Ballsporthalle überlässt er erstmal Boppin´B die Bühne. Ihre Performance hat etwas von einer Zeitreise zurück in die 1950er Jahre. Die Show zieht ihre Stimmungen aus dem Haifischflossendesign der Nierentisch-Ära. Aber das Publikum ist nun mal wegen der alten Rakete am Start und auf jeden Fall nicht einfach aufzumischen. Es sind nur 1500 Leute gekommen, die Hälfte kennt die historischen Vorlagen des Boppin´B-Programms aus konkreter Anschauung.

Dann heizt Linda Gail-Lewis für ihren Bruder vor, gemeinsam mit Tochter Annie Marie Dolan. Man sieht einem Familienbetrieb bei der Arbeit zu. Linda erscheint als veritable Southern Belle und entwickelt zugleich Lewis´schen Killerqualitäten am Flügel. Sie erzeugt diesen nagelnden Ton, den akustischen Hammer, der Jerry Lee berühmt gemacht hat. Das ist ein Boogie wie von Hunden gehetzt, mitunter Turboblues.

Die Tochter singt "Good Golly Miss Molly", die Mutter bringt Hank Williams´ "Jambalaya". Wie sehr sie mit dem Country verbunden sind, hört man stets. Das ist die Musik ihres Herzens. Eine Reminiszenz an den weißen Süden mit den großen Carports und den Rassenschranken stellt sich ein. Wer will, kann die Veranstaltung als Geschichtsstunde nehmen.

Endlich erscheint Jerry Lee. Er ist schwer gezeichnet und so gebrechlich wie Muhammad Ali. Seine Band besteht aus lauter Haudegen im Stil eines Willie Nelson. Sie stützt Jerry Lee wie ein Korsett. Sie überspielt ausbleibende Exaltationen des greisen Granden. Kenny Lovelace gibt den Ton an. Man hat nicht den Eindruck, Jerry Lee könnte die Sache Spaß machen. Die Petticoatfraktion des Auditoriums möchte gleichwohl gern in seiner Aura einen unvergesslichen Abend haben, zu "Johnny B. Goode", "Roll Over Beethoven" und schließlich auch zu verknappten, wenig ausschweifenden Fassungen von "Whole Lotta Shakin´ Goin´ on" und "Great Balls Of Fire".

Ist es nicht so, dass Jerry Lee bis auf den heutigen Tag mit der Idee lebt, sein Talent für "des Teufels Musik" vom lieben Gott als Auftrag erhalten zu haben? So paradox kann man nur mit kolossalem Volumen sein. Die Legende wird abgeführt, ihre Züge sind so verwittert wie die von Johnny Cash es am Ende waren. Und Lewis steht Cash näher als Presley.

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