The Sea and Cake

Dies ist nicht Rock'n'Roll!

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The Sea and Cake spielen im Frankfurter Zoom wie aus einem Guss.

Da ist immer erst einmal dieser rituelle Moment zu Beginn der Konzerte von The Sea and Cake. Die vier Musiker stehen auf der Bühne, kümmern sich nicht um ihr Publikum und stimmen mit gesenktem Blick ihre Instrumente. Nach einer Weile dann beginnt die Musik, an dem Bild aber ändert sich nicht besonders viel: The Sea and Cake kümmern sich, von wenigen trocken-knappen Ansagen abgesehen, nicht um ihr Publikum, und der Blick, abgesehen vom Schlagzeuger John McEntire, bleibt gesenkt.

Das Publikum im Frankfurter Zoom ist handverlesen. Seit 25 Jahren ist die aus Chicago stammende Band ein Geheimtipp. Die Alben kommen meist mit einigen Jahren Abstand heraus, das neue, „Any Day“, ist nach sechs Jahren Pause das elfte; ungefähr ein Drittel der Songs an diesem Abend stammt daraus.

Dies ist nicht Rock’n’Roll!, steht ungeschrieben über dieser Musik. Die Musiker stehen beim Musikmachen über der Show. Der Gedanke an ein Gitarrensolo würde einem gleichfalls ungeschriebenen Reinheitsgebot zuwiderlaufen. Statt dessen luftige Melodien ohne Wumms, mit einer fast Easy-Listening-haften Schwerelosigkeit.

Man könnte diese Musik als Feier des Handgemachten missverstehen, das ist es jedoch nicht, worum es hier geht. Tatsächlich verwenden The Sea and Cake für einige Songs dezente Zuspielungen von Synthesizersounds oder perkussiven Beats, mal auch ein Sprachsample.

In der Zeit um das Gründungsjahr 1993 hat der Postrock sich gerade als Genre ausgeformt, jene Musik mit Chicago als einem der Kulminationsorte, die Rockklischees hinter sich lassend an den improvisatorischen Geist von Krautrock und Jazz sowie an Ambient und Easy Listening anknüpfte. Vom Machismo des ROCK wollten die Musiker sich im Übrigen auch absetzen. The Sea and Cake sind eine Supergroup des Genres, die Mitglieder waren schon von anderen Bands wie Shrimp Boat, Tortoise, Brokeback und Gastr del Sol bekannt.

Offiziell ist das einstige Quartett nach dem Ausstieg des Bassisten Eric Claridge einer Krankheit wegen neuerdings nur noch ein Trio um den Sänger, Gitarristen und Kopf Sam Prekop mit seiner hellen, leicht angerauten und eher dünnen Stimme, den Arpeggiospezialisten Archer Prewitt – zum Schluss gibt er in zwei Nummern den Crooner – an der Gitarre und John McEntire am Schlagzeug. Naturgemäß inzwischen ältere Herren, um die fünfzig herum, optisch Typus Sozialkundelehrer. Mit auf Konzertreise haben sie den Bassisten Dough McCombs von Tortoise und Brokeback.

The Sea and Cake machen weiter, in jener prätentionslosen Art, die für sie charakteristisch ist. Entwicklungsschritte? Eher dem Bereich der Nuancen zuzuordnen. Das ist aber ganz und gar nicht von Schaden. Die neuen Songs von „Any Day“, die alten Nummern, das wirkt alles mehr oder weniger wie aus einem Guss. Doch The Sea and Cake werden keinen Moment langweilig. An diesem Abend nicht, in 25 Jahren nicht.

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