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Uwe Dierksen, Posaunist.

40 Jahre Ensemble Modern

Uwe Dierksen: „All die Techniken liegen ausgebreitet vor uns“

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Das Ensemble Modern feiert Geburtstag: Fünf Fragen an den Posaunisten Uwe Dierksen.

Uwe Dierksen , geboren 1959 in Hannover, studierte Posaune in Hannover, Hamburg und London. Seit 1983 ist er Posaunist im Ensemble Modern. Er ist Dozent bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt sowie bei der Internationalen Ensemble- und Komponistenakademie für zeitgenössische Musik Impuls in Graz. Als international konzertierender Solist spielte Uwe Dierksen u.a. mit dem Arditti Quartett, den Orchestern des Bayerischen, des Saarländischen und des Niederländischen Rundfunks sowie dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester.

Welches Projekt oder welcher Komponist hat den nachhaltigsten Eindruck auf Sie gemacht?

Frank Zappa, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – er nicht in die sogenannten Neue-Musik-Schublade passt. Er verband, wie ich finde, das Neue mit dem Altgewohnten auf sehr sympathische und kluge Weise. Er holte viele Menschen da ab, wo sie sich auskennen, und wer schlau genug ist zu erkennen, wo die Abgründe liegen, den nimmt er noch heute mit auf die Reise, aber immer liebevoll (wenn man das so sagen kann).

Welche Partitur war für Sie die schwierigste oder aufwendigste, wo sind Sie an eigene Grenzen gekommen?

Es gibt da ein Solostück namens „ROOR“ von Arnulf Herrmann, das mich immer noch beschäftigt. Ein tolles Stück! Ein kluger Mensch guckt sich die Posaune an und schreibt ganz folgerichtig eine Tonkaskade, die eigentlich funktionieren müsste. Aber um das auch wirklich umzusetzen, braucht es ein sehr kompliziertes Übersetzungsverfahren auf Seiten des Interpreten, sowohl im Kopf als auch in der technischen Umsetzung.

Spielen Sie heimlich auch Bach oder Beethoven? Und: genießen Sie das? Würden Sie manchmal gerne in ein „klassisches“ Orchester wechseln?

Ich würde gerne und oft in einem guten Orchester spielen mit einem guten Dirigenten, also einem Menschen, der mir all die fantastische Musik hilft zu verstehen in der Form wie im Detail. Lieber aber noch hätte ich meine eigene Band. Dummerweise sind wir alle so beschäftigt …

Wie hat sich die Neue Musik Ihrer Erfahrung nach verändert im Laufe der letzten 40 Jahre?

Wir haben uns endlich vom Dogma des Seriellen befreit und von der Idee, dass Neue Musik sperrig sein muss oder zumindest schwer zu rezipieren. Das Provokative allein reicht nicht mehr. Die jungen Leute wachsen mit selbstverständlicher Kenntnis von elektronischen Musikprogrammen auf. Aus meiner Sicht kann und muss man sich als Komponist (endlich wieder) die Frage stellen: Was will ich wirklich sagen? Ich denke, das ist eine essentielle Frage, gleichermaßen schwierig wie notwendig. Denn all die Techniken, also das kompositorische Besteck liegt ausgebreitet vor uns, nichts ist mehr neu. Ähnlich wie die klassischen Komponisten sind wir auf uns selber zurückgeworfen, nur dass wir viel mehr kompositorische Stilmittel zur Verfügung haben. Sinnlichkeit und Melodie scheinen nach wie vor ein heißes Eisen zu sein! Entweder die Komponist*innen trauen sich nicht oder können es nicht, ich vermute ersteres. Tonale Musik wie die von Arvo Pärt zum Beispiel braucht doch entweder ein spirituelles Motto oder einen sakralen Raum. Ich frage mich manchmal: wie würde Kurt Weill heutzutage komponieren? Würde er seine These von der „Gebrauchsmusik“ aufrecht erhalten? Und wenn ja, wie würde die aussehen?

Welchen Tipp geben Sie Menschen, die die Musik von heute als schwer zugänglich empfinden?

Möglichst keine Erwartungen haben und das, was man sieht und hört ohne Schublade aufnehmen. Dann tut Kultur das, was sie meines Erachtens tun sollte: dem Einzelnen andere, neue Wege aufzeigen und damit helfen sich zu lösen. Ja, es ist eine Art Urlaub von sich selbst, weil uns jemand mitnimmt auf andere Wege. Wege, die wir von allein nicht gesehen hätten. Ich gebe zu, manchmal muss man sich an bestimmten Angeboten abarbeiten, aber wie so oft: Am Ende gewinnt man mehr, wenn man sich anstrengt. Ich jedenfalls gehe ungern in ein Konzert, bei dem ich eigentlich schon vorher weiß, was passiert. Da sind wir wieder bei Zappa: Da geht man hin, weil man weiß, was passiert und weil man weiß, dass man nicht weiß, was passiert.

40 Jahre Ensemble Modern

Das Ensemble Modern spielt und fördert seit 1980 zeitgenössische Musik, seit 1985 mit Sitz in Frankfurt. 2020 wird das 40-jährige Bestehen vielfältig gefeiert. Der „Jubiläumszyklus“ startet am 6. Januar in der Kölner Philharmonie, am 13. Januar in der Alten Oper Frankfurt – mehr zum Programm unter www.ensemble-modern.com.  Vorab hat FR-Autor Stefan Schickhaus Mitglieder des Solistenensembles um Auskunft zu ihrem musikalischen Leben gebeten.

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