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Die Toten Hosen in Mannheim: Nirgends ein Wasserwerfer

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Von: Georg Leppert

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Campino im Backofen Mannheim. Foto: Bastian Bochinski
Campino im Backofen Mannheim. Foto: Bastian Bochinski © Bastian Bochinski

Konzerte der Toten Hosen sind entspannter geworden – das ändert, wie jetzt in Mannheim, nichts an der Stimmung.

Ach ja, die Polizei. Hat offenbar auch ihren Frieden mit den Toten Hosen geschlossen. Jedenfalls verbreitet die Polizei Mannheim vor dem Konzert ebendort Verkehrshinweise, indem sie Titel der Hosen benutzt. Das geht dann so: „Ihr gehört mehr so zur OPELGANG? Alle Infos zu Anfahrt und Parken findet Ihr hier...“ Das ist ganz lustig, wäre aber vor 40 Jahren, als sich die Toten Hosen gründeten, undenkbar gewesen. Und vor 25 Jahren erst recht.

Vielleicht liegt es daran, dass man im Regionalexpress 70 von Frankfurt nach Mannheim gerade an Biblis vorbeifährt. Jedenfalls denkt man an den Castor-Transport 1998. Die Hosen im westfälischen Ahaus. An den Gleisen wollten sie spielen, aber so weit kamen sie nicht. Weil ihnen die Polizisten (nur Männer) damals die Scheiben ihres Lastwagens eingeschlagen haben mit ihren Schlagstöcken. Die Hosen haben auf der Ladefläche weitergespielt, während die Polizei ihre Fans wahllos festgenommen hat. Gab auch Kritik an der Aktion. So war das damals.

Damals war alles besser, weil die Toten Hosen noch eine Punkband waren? Zumindest noch ein bisschen? Die Frankfurter Fan-gruppe im Regionalexpress diskutiert diese seit Jahrzehnten aktuelle Frage vehement. Aber eigentlich empören sich die sieben Herren etwas gesetzteren Alters eher darüber, dass die Hosen nicht im Waldstadion spielen durften, dafür aber die Böhsen Onkelz. Und was die Onkelz für Fans hätten, das wisse man ja, ist sich die Gruppe einig. Onkelz und Hosen, da ist Fantrennung angesagt wie bei Rostock gegen St. Pauli in der Zweiten Fußball-Bundesliga.

Auf dem Weg von der Bahnstation zum Mannheimer Maimarkt stehen viele gut gelaunte Polizistinnen und Polizisten. Und unwillkürlich denkt man an „Liebeslied“, ein Stück, das die Hosen ziemlich zu Beginn ihres Konzerts spielen werden. Es handelt von einer Straßenschlacht in den 80er Jahren und geht so: „Wasserwerfer peitschen dich, Tränengas beißt im Gesicht.“

Wenn es denn so wäre. Also der Teil mit den Wasserwerfern. Auf dem Maimarkt, dieser riesigen Fläche an der Autobahn, ist es auch um 20 Uhr noch brütend heiß. Ein Königreich für einen Wasserwerfer. Zumindest einen aus der älteren Baureihe, bei der es nicht so weh tut, wenn man getroffen wird.

Immerhin gibt es medizinisches Personal, das kollabierte Fans aus der Menge zieht. Und als das Konzert dann beginnt, wirft Sänger Campino Wasserflaschen ins Publikum. „Trinken und weitergeben“, so seine Ansage. Die Toten Hosen kümmern sich um ihre Fans. Das war schon immer so und ist erst recht so, seit beim 1000. Hosen-Konzert im Düsseldorfer Rheinstadion ein 16-jähriges Mädchen im Gedränge vor der Bühne ums Leben kam. 1997 war das. Seitdem unterbricht die Band ihren Klassiker „Hier kommt Alex“ oft mehrfach, weil im Publikum Leute gestürzt sind.

Am Sonntagabend müssen sie „Hier kommt Alex“ nicht unterbrechen. Im „Backofen Mannheim“ (Campino) erleben die Fans eine Show, die ebenso entspannt wie solide daherkommt. Die Toten Hosen feiern auf der Tour ihren 40. Geburtstag (und Bassist Andy Meurer am Sonntag seinen 60. Geburtstag). Und sie spielen, was die Fans hören wollen. „Bonny und Clyde“ und „Zehn kleine Jägermeister“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“ und „Tage wie diese“. Die mehr oder weniger alten Sachen eben. „Tage wie diese“ wurde einmal auf einer Siegesparty von Angela Merkel gespielt. Dafür konnten die Toten Hosen nichts. Aber die Diskussion, was das denn bitteschön noch mit Punkrock zu tun habe, die ging danach so richtig los.

„Pushed again“ spielen die Toten Hosen in Mannheim auch. Ein Lied gegen staatliche Gewalt. Ganz hinten, wo die Familien stehen, halten sich auch ein paar Polizist:innen (nicht nur Männer) auf. Als bei „Pushed again“ eine kleine Pyroshow losgeht , zücken manche von ihnen das Handy und machen nette Fotos. Und als die Fans dann gegen 23 Uhr zum Bahnhof laufen, ziemlich glücklich und zum Teil auch ziemlich angetrunken, da kommen sie an Streifenwagen vorbei, und aus deren Lautsprechern dröhnen die Hits aus 40 Jahren Tote Hosen.

So ist das mittlerweile mit den Hosen und der Polizei.

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