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Die Sterne: „Hallo Euphoria“ - Das Endliche erneuern

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Von: Stefan Michalzik

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Leben ein neues Album vor: Die Sterne.
Leben ein neues Album vor: Die Sterne. © Brigitta Jahn

Subtexte, Doppelbödigkeit und Ironie: Die Sterne mit ihrem Album „Hallo Euphoria“.

Der prototypische junge Mensch der Gegenwart in der medialen Erzählung ist der politische Aktivist oder die Aktivistin, jener der Neunzigerjahre ist zum einen der Techno-Raver gewesen und zum anderen der stilbewusste Pop-Dissident oder die -Dissidentin. Letztere waren das Klientel der Bands des Diskursrocks der Hamburger Schule, zu deren prominentesten Vertretern Die Sterne gehörten. Im dreißigsten Jahr nach dem Erscheinen der ersten Maxi-Single, „Fickt das System“, hat die Band, die nach der Trennung 2018 abgesehen vom Kopf Frank Spilker rundum neu besetzt ist, nun das Album „Hallo Euphoria“ veröffentlicht: das zweite der neuen Phase und das zwölfte in ihrer Diskographie. Es ist rundum gelungen ob einer unverminderten Relevanz der Texte Spilkers und der schwungvoll groovenden Musik.

Derweil Jochen Distelmeyer von Blumfeld vor langer Zeit schon angefangen hatte, auch Liebeslieder zu schreiben, ist bei Frank Spilker, 56 Jahre alt inzwischen, wie ehedem die Dissidenz Programm. Eine Haltung, für die es jederzeit Anlass gibt, erst recht jetzt, wo, um im Bild zu bleiben, das System „gefickt“ ist im Zeichen existenzieller Krisen.

Das Album

Die Sterne: Hallo Euphoria. Pias/Rough Trade.

Die alte Band ist geprägt gewesen von der guten alten DIY-Idee der New-Wave-Zeit, mit der sie es musikalisch weit gebracht hatte. Die neue ist in ihrer Art ausgebuffter, was mitnichten mit Oberflächenpolitur zu tun hat. Eine Idee von Dance, von Funk ist das Bindeglied. Musikalisch animierend der charakteristische Northern-Soul-Drive auf „Hallo Euphoria“. In Spilkers Texten geht alles genau auf den Punkt. „Marx und Engels sind veraltet / Pragmatisch wird die Welt gestaltet / Mit altem Geld, geborgter Macht / Wird aus Mensch Fabrik gemacht.“

Betörend gleich zu Beginn das üppige Arrangement in „Stellt mir einen Clown zur Seite“, mit Synthiestreichern und fetten Orgelsounds. „Immer neue Dichterfürsten / Immer wieder Distinktion“, singt Frank Spilker, „Prätentiöse Pseudo-Lyrik / Bringt uns nicht die Revolution / Lasst uns alles neu organisieren / Etwas anderes probieren / Lasst uns Änderungen feiern / Und das Endliche erneuern / Wir stoßen Ich endlich vom Thron.“

„Hallo Euphoria“ – tatsächlich, in dieser Zeit? „Die Sterne haben ein Lied zu singen / Lieder, die dich dazu bringen / Huf und Arsch und Hirn zu schwingen / So, wie Sterne eben klingen.“ Die fortwährend mitschwingenden Subtexte, Doppelbödigkeit und Ironie machen das Wesen der Songlyrik Frank Spilkers mit aus. „Greenwashing oder Distinktionsgewinn / Spilker immer mittendrin“ (…) „Kapitalismus, ich sage: warum nicht? / Umweltschutz, mich kriegt ihr nicht“. In diesem Song, „Spilker immer mittendrin“, treffen sich Moroder-Synthesizer-Blubbern und Easy Listening. Anklänge an den Krautrock gibt es auf dem Album immer wieder, besonders ausgeprägt im Titelsong mit seinem ausgedehnten instrumentalimprovisatorischen Einstieg.

Anspielungen, versteckte Zitate bis hin zum aktuellen Bandfoto. Frank Spilker trägt darauf einen Pelzmantel (keinen echten, wie er mehrfach versichert hat). Da denkt man im Zusammenhang mit der Musik an die freakige Ikonographie vieler Krautrockbands seinerzeit.

Spilker selbst indes hat das als ein Beatles-Zitat intendiert, denn die hätten für den legendären verfilmten Dachauftritt zu ihrem letzten Album „Let It Be“ (1970) ähnlich auffällige Mäntel getragen. Das habe etwas von „Larger than Life“.

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