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„Die Renaissance wurde leider verschoben“: Jean-Michel Jarre über Virtual Reality und sein Album „Oxymore“

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Von: Max Dax

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Der Komponist und sein Werkzeug: Jean-Michel Jarre kurz vor seinem ersten virtuellen Konzert.
Der Komponist und sein Werkzeug: Jean-Michel Jarre kurz vor seinem ersten virtuellen Konzert. © AFP

Die Kunst findet in jeder Krise ihre Nische - Musiker Jean-Michel Jarre hat sie in der virtuellen Realität gefunden. Im Interview spricht er über seinen Zukunftsoptimismus, den emotionalen Unterschied zwischen Form und Inhalt und sein 22. Album „Oxymore“

Monsieur Jarre, es gibt diese Tage, an die erinnert man sich sein Leben lang – 9/11, oder der Tag, an dem Lady Diana starb. Wo waren Sie, als Sie vom Brand von Notre-Dame gehört haben?

Ich war zu Hause. In meinem Studio. Ich bekam einen Anruf. Die Nachricht traf mich wie der Schlag. Es war ein Moment der Lähmung und der Schockstarre. Im Internet sah ich dann das Feuer als Live-Übertragung. Dass ich live dabei sein konnte, erinnerte mich in seiner Medialität tatsächlich an die Anschläge auf das World Trade Center in New York. Abermals handelte es sich um TV-Bilder, die jenseits unserer kollektiven Vorstellungskraft lagen. Das machte die Bilder so mächtig. Ich weiß noch, wie ich dachte: Das kann nicht stimmen! Das ist ein schlechter Scherz. Fake News.

Weil es nicht sein durfte?

Genau. Weil es nicht passieren durfte. Denn mit dem Feuer, durch welches Notre-Dame geschwächt wurde, wurden auch wir Menschen geschwächt, zumindest wir Menschen des Westens.

Sie sagen: Westen, nicht Christen.

Das Feuer hat jenseits der Religion gebrannt. Es war eher ein göttliches Menetekel, das sich an die Menschheit, zumindest die des Westens, gewandt hat. Vielleicht muss ich mich sogar korrigieren. Ich würde daher sagen, die gesamte Menschheit wurde durch die Flammen, die im Fernsehen übertragen wurden, geschwächt.

Und Sie wären wohl nicht Sie selbst, wenn Sie nicht kurz darauf ein Konzert in der rekonstruierten, virtuellen Realität von Notre-Dame gegeben hätten …

Kurz nach dem verheerenden Feuer brach die Covid-Pandemie über uns herein. Ein weiteres Menetekel. In Frankreich hatten wir einen extrem strikten Lockdown. Meines Erachtens gab es eine Verknüpfung zwischen der Schwächung, die wir als Menschen aus dem Brand erlitten haben, und der anschließenden Verbannung. Mein Konzert habe ich zu Neujahr 2020 gegeben. Da hatten wir alle die Hoffnung, dass wir nach dem überstandenen Covid-Winter wieder in die Normalität gehen würden. Mehr noch: In eine Phase der Renaissance, der Wiedergeburt. Doch leider wurde die Renaissance verschoben. Es wird noch Jahre dauern, bis Notre-Dame wiederaufgebaut ist und viele Menschen verlieren angesichts der andauernden Pandemie den Verstand.

Was bedeutet es eigentlich, ein Konzert im virtuellen Raum zu spielen?

Der virtuelle Raum ist ein großes, wenn nicht sogar ein romantisch-utopisches Versprechen. Aber natürlich gibt es auch die dystopische Sichtweise. Als Künstler habe ich mich aber verpflichtet, mich mit den utopischen Qualitäten des virtuellen Raums auseinanderzusetzen. Wenn ich die virtuelle Realität betrete, begebe ich mich in unerforschtes Terrain. Es erinnert mich tatsächlich daran, wie ich Ende der Siebzigerjahre das erste Mal China bereist habe.

Inwiefern?

Alles, was ich sah, war neu, anders und unvorstellbar. Und ähnlich fühlt es sich an, wenn man sich selbst als seinen eigenen digitalen Zwilling generiert. Und zugleich gibt es einen Aspekt in der VR, der mir sehr vertraut vorkommt, als entstamme er der Vergangenheit. Das erste VR-Objekt nämlich ist das Buch gewesen, der Roman. Ich weiß noch, wie ich mich als Kind in die Welt des Romans teleportiert habe, den ich las. Das war damals „Der Fremde“ von Albert Camus. Ich stellte mir die Welt und den Mord und die Menschen vor meinem inneren Auge vor. Und heute geht es Kindern - die hoffentlich Bücher lesen, bevor sie sich an die Handys gewöhnen - so, wenn sie „Harry Potter“ zum ersten Mal lesen. Man stellt sich die Gesichter der Protagonisten ganz lebensecht vor – und jeder Leser und jede Leserin hat eine andere Vorstellung davon, wie diese aussehen. Die virtuelle Realität meines Konzerts in der VR der wieder intakten Notre-Dame ist nur eine Erweiterung dieses Erlebnisses.

Wie hat man sich Ihren digitalen Zwilling vorzustellen?

Man ist dieser Zwilling, und zugleich ist man dieser nicht. Es ist wie eine Persönlichkeitsspaltung – im positiven Sinne. Wir kennen das aus der Kunst und aus der Literatur, wenn sich Menschen Künstlernamen zulegen und plötzlich eine Freiheit verspüren, die sie ohne Nom de guerre nicht gehabt hätten. Ich spiele meine Musik auf meinen echten Instrumenten, aber ich sehe ein Publikum, das sich aus der gesamten Welt dazu geschaltet hat. Und wie jede technische Revolution – wie mit der Erfindung des Buchdrucks, des Fernsehens oder des Internets – wird auch der Siegeszug der virtuellen Realität soziale Probleme aufwerfen.

Aber: Wie ist das, vor einem Millionen-publikum von Avataren zu spielen?

Ganz ehrlich: Man vergisst es nach wenigen Minuten. Andere Dinge werden wichtiger. Da wäre zum Einen das Musikmachen selbst zu nennen. Ich konzentriere mich auf meinen Auftritt. Und andererseits darf man ja nicht vergessen, dass man zwar vor Avataren spielt, aber hinter jedem Avatar ein Mensch steckt. Als Avatare tanzen sie vor meiner Bühne, als wären sie im gleichen Raum. Sind sie ja auch. Aber es ist ein virtueller Raum. Und natürlich steckt das alles noch in den Kinderschuhen. Es erinnert mich an 1994, als wir alle zum ersten Mal Websites gesehen haben.

Sie sind jetzt noch einen Schritt weitergegangen. Parallel zu Ihrem neuen Album „Oxymore“ haben Sie eine virtuelle Stadt ins Leben gerufen, Oxyville. Auch hier kann man Sie gelegentlich als Ihren eigenen Avatar treffen, außerdem wollen Sie Avatare von berühmten Künstlern einladen, für eine Zeit lang in Oxyville zu leben.

Tatsächlich habe ich neulich, als wir noch die Beta-Version von Oxyville ausgetestet haben, ein kleines Konzert dort gegeben und habe mich im Anschluss mit Fans persönlich – also mit ihren Avataren – getroffen. Ich sprach mit Fans aus Santiago de Chile und Shanghai im selben Raum. Ein Mädchen aus Manchester war besonders agil, sie konnte sich kaum zügeln. Ich erfuhr von ihr, dass sie querschnittsgelähmt war und sie zum ersten Mal in ihrem Leben einem Konzert beigewohnt hat und mit anderen Menschen interagieren konnte. Das Metaverse, so bedrohlich es wirken mag, hat eben auch diese guten Seiten, dass Menschen, die sonst isoliert wären, sich mit anderen austauschen können.

Viele Menschen stehen dem Metaverse kritisch gegenüber.

Der Mensch scheint der Zukunft seit Jahrhunderten ohne große Hoffnung gegenüberzustehen. Sprichwörtlich heißt es: „Früher war alles besser“. Ich glaube, es gibt hierfür eine sehr einfache Erklärung: Wir alle wissen, dass wir sterben werden. Die Zukunft wird ohne uns stattfinden. Vielleicht müssen wir uns die Zukunft als Bedrohung vorstellen, weil sie die Aussicht auf den eigenen Tod erträglicher erscheinen lässt. Und die Vergangenheit wiederum lieben wir, umarmen wir, weil wir sie in Form unserer Erinnerungen kontrollieren können.

Für Sie ist der virtuelle Raum neutral?

Genau. Wie bei jeder anderen Technologie auch, geht es nur darum, wie der Mensch sie einzusetzen beabsichtigt. Der dystopische Blick auf die Zukunft – er kommt aus uns Menschen heraus, nicht aus der Technologie, die wir erschaffen haben.

Zur Person

Jean-Michel Jarre (74) wurde 1948 im französischen Lyon in eine Musikerfamilie geboren. Über die Jahre war Jarre Teil einiger Bands und trat auch dem einflussreichen Kollektiv „Groupe de recherches musicales“ unter Pierre Schaeffer bei.

Seine Kompositionen entstehen vorrangig am Synthesizer - Jarre gilt als einer der Vorreiter der elektronischen Musik.

„Oxymore“ ist Jarres 22. Studioalbum und entstand unter anderem mit Elementen aus dem Tonfundus von Pierre Henry. Verkauft wird es auch als sogenannte Binaural-Version. Diese Art der Tonaufnahme soll mittels Kopfhörern ein 360° Hörerlebnis schaffen. FR

Haben Sie zufällig in letzter Zeit mal wieder die „Offenbarung des Johannes“ gelesen?

Nein. Aber ich kenne die „Apokalypse“ natürlich. Und ich sage Ihnen, dass wir nicht die ersten Menschen sind, die behaupten, sie seien Augenzeugen der gerade stattfindenden Apokalypse. Es gab auch schon im Mittelalter Menschen, die dies nicht nur geglaubt, sondern auch lautstark proklamiert haben. Wir beide hätten dieses Gespräch zu Beginn der industriellen Revolution führen können. Der Unterschied zu früher ist, dass uns, sprich: den Regierungen, heute ganz andere Mittel der Kontrolle und der Überwachung zur Verfügung stehen.

In Ihrem Stück „Exit“ aus dem Jahr 2016 haben Sie Teile eines Gesprächs, das Sie mit Whistleblower Edward Snowden in Moskau geführt haben, verwendet.

Davon spreche ich. Aber hat es einen Aufschrei gegeben? Wurde die Regierung gestürzt? Nein, die Menschen drücken fleißig weiter brav den Button „Alle Cookies akzeptieren“. Das Thema „Kontrolle“ beschäftigt mich seit Längerem. Vielleicht wird dies das Thema meines nächsten Albums?

Wenn Sie an neue Alben oder Konzerte herangehen, müssen diese dann immer an das Universale anknüpfen? Muss es immer um so große Überbegriffe gehen?

Mein neues Album heißt „Oxymore“ – für mich verweist der Titel auf den Begriff „Oxymoron“, also auf die rhetorische Gegenüberstellung von Widersprüchen. In diesem Sinne würde „universal“ bei mir nicht „think big“ bedeuten, sondern im Gegenteil: „think small“. Wer „international“ denkt, muss „groß“ denken. Wenn Sie Coca-Cola – oder eine Idee – auf der ganzen Welt verkaufen wollen, müssen Sie auf die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gehen, um den größtmöglichen Erfolg zu haben. „Universal“ zu denken bedeutet hingegen, dass Sie Ihren eigenen Garten umgraben müssen, um das zu finden, was Sie als Mensch aus Europa mit einem Menschen aus Brasilien oder China verbindet. Denn wir Menschen haben etwas gemein. Je ehrlicher wir auf uns selbst hören, desto klarer können wir uns jenseits der Sprache verständlich machen. Trauer verbindet die Menschen mehr als Freude. Wir sind als Menschen vom Tag unserer Geburt an verflucht, wir wissen, dass wir sterben werden. Kreativität und Liebe sind Türen, die sich uns bieten, dass wir im Angesicht unseres eigenen Todes Momente des Glücks erfahren können.

Welche Rolle spielen die Musik und die Literatur – etwa, um dem Tod die Stirn zu bieten?

Eine gigantische Rolle. „Der Fremde“ war nicht nur das erste Buch, das ich in meinem Leben bewusst gelesen habe. Ich habe es bestimmt seitdem fünfzehn Mal gelesen. Und jedes Mal war ich nicht nur vom Inhalt, sondern stets vor allem auch von der Form begeistert. Das geht mir ansonsten nur mit Stendhals „Rot und Schwarz“ und zuletzt mit Houellebecqs „Karte und Gebiet“ so. In allen drei Fällen ist es die Form, also die Art, wie der jeweilige Text geschrieben wurde, die mich interessiert.

Interessiert Sie an Ihrer eigenen Musik ebenfalls vor allem die Form?

Ich denke, dass Sie da richtig liegen. Denn der Unterschied zwischen den Wissenschaften und der Kunst besteht darin, dass Sie in der Musik beziehungsweise der Kunst mit zwölf Noten oder 26 Buchstaben alles sagen können. Aber der persönliche Stil, der entsteht erst durch die individuelle Färbung, mit der Sie die Noten oder dies Sprache angehen. Schließlich gibt es trotz aller technischer Neuerungen keine wirkliche Evolution der Gefühle. Wir sprechen noch immer von Liebe, Trauer, Glück. Was sich ändert ist die Form, in der wir über die Dinge sprechen, nicht der Inhalt.

Zurück zu „Oxymore“. Das Album trägt den Untertitel „A Tribute to Pierre Henry“. Henry war neben Pierre Schaeffer einer der Mitbegründer der Musique concrète – der konkreten Musik. Sie fußt auf der Idee, dass jedes Geräusch, jeder Klang Musik ist. Man kann Baustellenlärm oder Vogelgezwitscher aufnehmen und in einer Komposition oder in einem Song verwenden – und es wird zu Musik.

Genau. Ich hatte die große Ehre, dass Pierre Schaeffer und Pierre Henry meine beiden Mentoren in der Groupe de recherches musicales waren. Ich studierte bei ihnen, und nach Henrys Tod im Jahr 2017 überreichte mir seine Witwe ein paar Bänder mit Field Recordings, die er mir zugedacht hatte. Ich war sehr gerührt. Ich hörte mir die Bänder durch, auf denen sich allerhand Alltagsgeräusche befanden. Tatsächlich habe ich auf „Oxymore“ nur ein paar wenige dieser Originalgeräusche von Pierre Henry verwendet. Eine Huldigung an ihn ist das Album dennoch, da ich mit „Oxymore“ der Art und Weise, wie Henry Klang und Komposition als eine Art zusammengehörige Architektur begriff, meinen Respekt zolle.

Wie haben Sie als Musiker am Synthesizer in diesem Sinne Ihren Ton gefunden? Über Gespräche mit den alten Herren? Oder wie ein Trompetenspieler durch das Spielen selbst?

Das ist schwer zu beschreiben. Ich vermute, es geht hier um eine Synchronizität von Wellenlängen – der eigenen und der Klänge, die ich einem Synthesizer zu entlocken imstande bin. Immer dann, wenn ich einen solchen Klang, zu dem ich eine Verbindung zu haben scheine, finde, folge ich diesem Klang wie ein Forscher. Der Klang gibt die Richtung meiner Forschung vor, nicht umgekehrt.

Gibt es einen Trompeter, dessen Klang Sie in diesem Sinne mehr als jeder andere berührt hat?

Das kann ich Ihnen sofort sagen: Miles Davis und Chet Baker. Wenn mir jemand einhundert verschiedene Trompetenspieler blind vorspielen würde – ich würde die beiden nach wenigen Sekunden an den ersten Noten erkennen.

Was macht deren Ton so einzigartig?

Bei Chet war es das Heroin. Als Kind hatte ich das Vergnügen, dass er mir einmal an meinem Geburtstag ein Ständchen spielte – im Le chat qui peche, einem Jazzclub, der einer engen Freundin meiner Mutter France gehörte. Ich habe da als Kind und Jugendlicher ungezählte Abende verbracht. Auch mit Chet. Und Miles war dyslexisch. Er konnte nicht so schnell spielen wie Charlie Parker oder John Coltrane. Aber wie im Aikido nutzte er seine Schwäche und wandelte sie in Stärke um. Er begann weniger Noten als alle anderen zu spielen. Das war eine revolutionäre Geste in einem Genre, in welchem die Musiker bis dahin nach ihrer Virtuosität beurteilt wurden und nicht nach ihrem Klang.

Was schätzen Sie außerdem an Miles?

Während der Black-Power-Zeit spielte er trotzdem viel vor weißem Publikum und war bei weißen Veranstaltern unter Vertrag. Er begann, sich nach Noten bezahlen zu lassen. Bezahlte einer weniger Geld, spielte er auch weniger Noten. Ich habe ihn für diese Haltung bewundert.

Interview: Max Dax

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