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Die Kaperung von Popkultur: Wenn „ Freiheit“ für alles herhalten muss

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Die Goldenen Zitronen in Berlin.
Die Goldenen Zitronen in Berlin. © imago/BRIGANI-ART

Einst bedeutete Pop Grenzüberschreitung, Befreiung, Ekstase. Doch inzwischen werden das Recht auf Exzess und die Transgression und Tabubruch von Rechts vereinnahmt. Von Klaus Walter

Wir sind so frei, uns zu nehmen, was uns nicht zusteht. Das könnte er sein, der Slogan eines tiefgreifenden popkulturellen Klimawandels. Der Refrain der neuen Protestbewegungen, die sich nicht zuletzt im Namen einer wie auch immer definierten Freiheit bei älteren Protestbewegungen bedienen, die das wiederum ganz anders gemeint hatten. „I can’t breathe“, das waren die letzten Worte der beiden Afroamerikaner Eric Garner und George Floyd, bevor sie von (weißen) Polizisten am Weiteratmen gehindert wurden. „I can’t breathe“ wurde zum Signatursatz der Black-Lives-Matter-Bewegung. Zwei Jahre nach dem Mord an Floyd entführen Corona-Demonstranten und -Demonstrantinnen das Motiv.

Ihre Plakate zeigen ein Kind mit Atemschutzmaske: „I can’t breathe“. Dass sich auf denselben Demos Leute mit Judenstern oder KZ-Uniform ausstaffieren, um die Einschränkung ihrer Freiheit mit der organisierten Massenvernichtung von Jüdinnen und Juden gleichzusetzen, an diesen bitteren Treppenwitz in Sachen kultureller Aneignung hat man sich fast schon gewöhnt. Angeeignet wird bei den Performances der Impfgegner und -innen auch Musik. Pikiert nimmt die linksliberale Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass da veritable Neonazis und AfDler mitlaufen, während aus dem Soundsystem Bob Marley dröhnt. Und Ton, Steine, Scherben.

Die Annahme, dass Pop per se links sei, war ja schon immer falsch, hält sich aber hartnäckig und wird gerade ad absurdum geführt. Kooptierbarkeit ist das Wort: Macht kaputt, was Euch kaputt macht? Keine Macht für niemand? Die alten Anarcho-Parolen taugen heute auch für wackere Wutbürger im Widerstand gegen die Impfdiktatur.

Randnotiz I: Schon 1995 coverte die Nazi-Band mit dem sprechenden Namen Landser den Scherben-Song „Allein machen sie dich ein“. Get up, stand up for your rights! Auch Marleys Hymne lässt sich problemlos umwidmen: vom Kampf gegen Sklaverei und koloniale Ausbeutung zum Kampf gegen die Maskenpflicht. Randnotiz II: Als an seinem großen Zeh Hautkrebs diagnostiziert wurde, lehnte der gläubige Rastamann die notwendige Amputation ab. Stattdessen vertraute sich Marley den „alternativen Behandlungsmethoden“ eines deutschen Arztes an. Er starb mit sechsunddreißig.

Weniger tragisch aber schmerzhaft für alternde Punkfans: Punkunverdächtige CDU-Biedermänner wie Gröhe und Kauder feiern 2013 ihren Wahlsieg mit einem Stadionrockschlager der Toten Hosen und grölen lauthals mit. „An Tagen wie diesen“. Am Tag darauf entschuldigt sich Frau Merkel bei „Herrn Campino“. Marley, Scherben, Hosen – die Aporien der Kooptierbarkeit: Je eingängiger, aber auch uneindeutiger eine Parole, desto kooptierbarer. Je eingängiger und mitgröltauglicher eine Melodie, desto kooptierbarer. Das wissen wir, seit sich deutsche Fußballfans gegen die bayrische Übermacht mit ihrer feindlichen Übernahme von Ringos gelbem Unterseeboot wehren: Zieht den Bayern die Lederhosen aus!

Ebenfalls im Stadion spielt ein weiterer Treppenwitz der kulturellen Aneignung. „Olé jetzt kommt der BVB“ (SGE, VFL usw)! Der populäre Kurvenchor hijackt ausgerechnet „Go West“, die Schwulenhymne der Village People, zum Welthit gemacht von den Pet Shop Boys, während die Liga weiter wartet auf den ersten aktiven schwulen Profi. Wie also umgehen mit dem Problem der Übernahme von der Gegenseite, dem Applaus von der falschen Seite? Darüber wird in der Linken seit Jahrhunderten gestritten, mit immer wieder ähnlichen Frontstellungen, oft genug unterkomplexen Frontstellungen, zuletzt bei der irrlichternden innerlinken Debatte Identitätspolitik versus Klassenpolitik.

Dabei sollte doch klar sein, dass auch Klassenpolitik Identitätspolitik ist, und dass Identitätspolitik nicht funktioniert ohne Klassenpolitik. Nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke 1968, für den die Springer-Presse das Klima bereitet hatte, wurde das Konzept einer „linken Bildzeitung“ diskutiert. Es dauerte eine Weile, bis alle gemerkt haben, dass du entweder links bist oder BILD. Dass linker Populismus unweigerlich am rechten Ende landet, bei Sahra Wagenknecht, die mit Coronaleugnerinnen und Putinistas flirtet, bei ihrem Oskar, der glaubt, die deutsche Arbeiterklasse vor „Fremdarbeitern“ schützen zu müssen.

Zurück zu den Toten Hosen. Die Düsseldorfer Band von Herrn Campino hat im selben Humus angefangen wie Die Goldenen Zitronen aus Hamburg, Ende der Siebziger. Mit Funpunk als Young-upstart-Subversion wider den saturiert linksliberalen Rock und Liedermacher-Spießerkram à la BAP und Zupfgeigenhansel.

Das ging eine Zeitlang gut, bis der Fun, das alte Stahlbad, den Punk überformt hat und die Konzerte zu testosterongesteuerten Sauf- und Brüll-Gelagen verkamen. An diesem Punkt traten Die Goldenen Zitronen auf die Bremse. „Wir haben die Konsequenz gezogen, uns in ästhetischer Hinsicht explizit abzugrenzen von einer Songstruktur, die eben leeres Gefäß sein kann“, sagt Ted Gaier 2001 der „taz“. „Unsere Idee war, auf Refrains zu verzichten, unsere Musik so dissonant zu machen und aus den Rockschemata auszubrechen, dass man nicht vereinnahmt werden kann – von egal wem. Ein Zitronen-Stück wie ,Das bisschen Totschlag‘ kann von Rechten nicht gespielt werden. Nicht nur, weil der Text so besonders links ist, sondern weil die Musik so sperrig ist und nicht das transportiert, was man sich an Emotionen und Pathos erwartet.“ Seither zahlen Die Goldenen Zitronen den Preis für ihre Unvereinnehmbarkeit: Sie erreichen nur noch die Eingeweihten, die Preaching to the converted-Sackgasse.

Wir sind so frei, uns zu nehmen, was uns nicht zusteht. Das wird heikel, wenn es die Freiheit selbst ist, die sich die neuen Protestbewegungen nehmen. Wenn sie ihre Freiheit, impf- und maskenfrei zu bleiben, mit „Freiheit“ zelebrieren, dem Kirchentags-Tränenzieher von Westernhagen.

Die Freiheit, die da feierlich beschworen wird, ist interpretationsoffen. Eine originelle Deutung fand ich auf Facebook: „,freiheit‘ und speziell das stadionmitgrölvideo hat mir schon immer schwerst im magen gelegen. ich kann nicht anders als mir vorzustellen, da wäre ‚deutschland’ im refrain statt ‚freiheit’.“ Immerhin bleibt uns Westernhagens „Freiheit“ bei künftigen Corona-Demos erspart, nachdem der Sänger seine rechten Fans mit einem Impf-Foto von sich verprellt hat.

Besonders grotesk zeigen sich die coronösen Diskursverschiebungen bei einem Spektakel im Namen der Freiheit in Kanada. Beim Freedom Convoy legten unzählige Trucker (die wenigen Truckerinnen dürfen sich mitgemeint fühlen) mit ihren LKWs die Hauptstadt Ottawa lahm. Flankiert wurden die Corona-Proteste von Freedom Convoy Parties, bei denen vor allem junge Menschen ohne Maske, dafür aber in kanadische Flaggen gehüllt, durch die Straßen tanzten. Neben lauter Musik setzten die Trucker ihre imposanten Hörner ein, um ihre Wut mit ausgiebigen Hupkonzerten in die Nacht zu tröten. Unterstützt von ausgewiesenen Rechtsextremen performten sie ihre Verachtung für die angebliche Diktatur der woken Political Correctness, fleischgeworden in Gestalt des smarten Premiers Justin Trudeau.

Apropos Fleisch: Auch eine Spanferkel-Party feierten die Freedom Fighter: Fight for your right zu essen, was dir passt, Hauptsache nix Veganes. Blockade, Hupkonzert, Platzbesetzung, Dancing in the Street, auch in puncto Style, Outfits und Habitus erinnert die Invasion von Ottawa an ganz andere Happenings vergangener Tage: Go-Ins, Bed-Ins, Open Air in Haight Ashbury, Acid Tests, Interventionen im öffentlichen Raum, wie sie die Merry Pranksters vorgemacht haben, oder die Situationisten im Pariser Mai. Rückgriffe auf das Zeichenreservoir von Beat Generation und Hippies, auch Hollywood – der Trucker als Cowboy der Neuzeit.

Kein Wunder, dass auch der vorherige US-Präsident Gefallen fand am Freedom Convoy, schließlich mutet der Truckeraufstand an wie ein Reenactment des Sturms aufs Capitol 2021. Schon damals kamen die Eindringlinge daher wie Figuren aus der Rocky Horror Freakshow des Pop: der Schamane mit der Jamiroquai-Pelzmütze, Gothkids, tätowierte Metalhorden, die nach Washington pilgern statt nach Wacken.

Ottawa könnte Geschichte machen als zweite große Manifestation einer neuen politisch-kulturellen Strömung: des Trumpopismus. Der Trumpopismus markiert einen Paradigmenwechsel. Pop, das war immer Grenzüberschreitung, Befreiung, Ekstase, Regelverletzung, Tabubruch, im Rock’n’Roll wie im (Free) Jazz, beim Beat, den Hippies, Punk, Techno …

Das hat sich gedreht: Enthemmter Hedonismus, Exzess und Transgression sind nach rechts gewandert. Auf der anderen Seite propagieren tendenziell eher linke Popstars von gestern Hegelsche Demut: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit! Das könnte das Motto einer Kampagne sein, an der sich etwa Die Ärzte, Die Toten Hosen, Tocotronic und die Einstürzenden Neubauten beteiligen: #impfenschützt. Mit Tocotronic auf den Kopf gestellt: Pure Vernunft hat gesiegt. Und darüber sollen wir uns jetzt freuen?

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