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Die Junge Kantorei Frankfurt – Engel und Spatzen

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Von: Bernhard Uske

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Komponist Johann Sebastian Bach, hier in der Nikolaikirche in Leipzig.
Komponist Johann Sebastian Bach, hier in der Nikolaikirche in Leipzig. © Andreas Schoelzel/epd

Weihnachtsoratorium: die Junge Kantorei in der Frankfurter Wartburgkirche.

Bach vertanzt und inszeniert – das haben auch George Balanchine und Paul Taylor, John Neumeier oder Peter Sellars getan. Aber Bach mit zeitgeistgerechten Einsprüchen?

Solches pflegte man jetzt bei der Aufführung der Kantaten I, V und VI des Weihnachtsoratoriums in der Frankfurter Wartburgkirche durch die Junge Kantorei unter Jonathan Hofmann. Der Chor hat ein eigenes Klangprofil, das er im Verein mit seinem Orchester vertritt: leicht und gestalterisch beweglich. Dabei aber nicht mit originalklangtümelnder Schmallippigkeit, sondern artikulatorisch großzügig. Die solistischen Instrumentalbeiträge von Oboe und Flöte waren makellos, Sören Richters Tenor als Evangelist ganz unaufgeregt und doch involvierend, fein timbriert in gutem Kontrast zu dem schön gerundeten Bass Johannes Hills. Der Alt hat im Weihnachtsoratorium viel zu tun und tat das in der Stimmgestalt Martha Jordans leicht und mit einem Hauch metallischen Glanzes. Heike Heilmann erklomm die sopranischen Höhen mühelos und plastisch. Hofmanns Dirigierstil hat animatorische und gestische Potenz und achtet zugleich auf Präzision und dynamische Abstufung.

Das Gotteshaus war im Mittelbereich leergeräumt zu einer Agora, die interaktionales Geschehen aufnehmen sollte. Das Publikum drumherum platziert. Schüler und Schülerinnen der Klassen 6a und 10a der Bettinaschule in uniformem Dress waren hier zugange. Die jüngeren hatten pantomimische Bewegungen auszuführen, die Kantatenteile deuteten. Oft im Verein mit dem Bewegungspotential der professionellen Tänzerinnen Victoria und Teresa Söntgen. Die höhere Klasse proklamierte Forderungen und Hoffnungen. Viele Weltrettungswünsche, meist klang das wie die Sprechblasen der Politik. Da war es erfrischend, die Schar in ihrer Unkonzentriertheit und bei ihren Späßen untereinander zu beobachten, wenn sie nicht „dran“ waren, Sprachrohre der Diskurses von Achtsamkeit bis Zusammenstehen zu sein.

Dafür hätte man allerdings die Erlösungsbotschaft Bachs nicht gebraucht – nur den klanglichen Stimmungszauber. Denn das Gutsein der Guten pfeifen alle Spatzen von den Dächern. Und die eingesprochenen Zeilen aus Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ vor dem Schlusschoral waren treffend: „Ja Zuckerbrot für jedermann, sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“

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