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Die Gypsy Tenors mit Tony Lakatos beim „Jazz im Palmengarten“ in Frankfurt: Verbeugungen ohne Langeweile

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Von: Stefan Michalzik

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Die Gypsy Tenors und das Martin Sasse Trio im Frankfurter Palmengarten.

Die Prägung durch den Tenorsaxophon-Übervater John Coltrane ist am Spiel aller drei Musiker abzulesen – wie könnte es auch anders sein, Coltrane ist nach wie vor omnipräsent. Sämtlich haben die „Gypsy Tenors“ einen familiären Sinti-und-Roma-Hintergrund: Tony Lakatos, langjähriger Star der hr-Bigband, jetzt außer Dienst, stammt aus einer namhaften ungarischen Romamusikerdynastie, der New Yorker Rick Margitza, zu dessen Stationen unter anderem McCoy Tyner, Chick Corea und der späte Miles Davis gehören, aus einer slowakischen, der in Kopenhagen lebende Gábor Bolla wiederum aus einer ungarischen Romafamilie.

Mit der landläufigen Vorstellung eines (zumeist gitarrenfokussierten) „Gypsyswings“ hat die Musik nichts gemein. Im Rahmen des modernen Mainstreams bewegt sich das Treffen der drei Titanen ihres Instruments in der von der Frankfurter Jazzinitiative betreuten Reihe „Jazz im Palmengarten“. Diesmal mit einer anderen Rhythmusgruppe als für ihre 2017 veröffentlichte Liveeinspielung: dem Trio um den Kölner Pianisten Martin Sasse, am Bass Martin Gjakonovski, am Schlagzeug Bernd Reiter; letzterer war schon bei der ursprünglichen Besetzung dabei.

Da ist einesteils eine hardbopgetriebene groovende Beschwingtheit, dann aber auch viel lyrisch-elegische Stimmung. Es gibt ausgiebige Soli von verschwenderischem, subtil aufgefächertem Reichtum, spirituell beseelt besonders in den zahlreichen Balladen. Immer wieder pausiert einer der drei Tenoristen für eine Nummer, fantastisch austariert ist das Verhältnis von harmonischem Einvernehmen und anregendem Reibungspotenzial in den Zwiesprachen. Schlank-agile Klarheit prägt das Spiel des Martin Sasse Trios, dem Raum gegeben wird zur Entfaltung funkelnder Finesse über die rhythmische Basisarbeit hinaus.

Fulminanter Lakatos

Die durchweg großartige Technik ist selbstverständliche Basis, in den Vordergrund drängt sie sich nie. „Bebop Csardas“ lautet der Titel einer fulminanten Nummer von Tony Lakatos, die indes nicht als programmatisch für das Konzept zu lesen ist, denn eine Fusion der beiden Elemente kommt tatsächlich einzig hier zum Tragen, ansonsten ist sie nicht sonderlich offenkundig.

Die eigenen Kompositionen sind durchsetzt mit Standards von Fats Waller, Billy Strayhorn und aus dem Repertoire von John Coltrane. Titel wie „Silver and Gold“ (Lakatos) oder „E-Jones“ (Margitza), Verbeugungen vor den historischen Größen Horace Silver und Elvin Jones, beglaubigen lebhaft die Verankerung in der modernen Jazztradition. Weit entfernt ist der Gedanke an verwalterische Langeweile.

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