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„Schieß nicht!“, ruft Agathe da. Die Firma Liebig brachte 1901 in ihrer Werbung eine ganze Reihe von „Freischütz“-Illustrationen heraus.
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„Schieß nicht!“, ruft Agathe da. Die Firma Liebig brachte 1901 in ihrer Werbung eine ganze Reihe von „Freischütz“-Illustrationen heraus.

„Der Freischütz“

Die Fanfare der Nationaloper

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Carl Maria von Weber musste sich sehr sputen, um seinen „Freischütz“ fertigzustellen. Vor 200 Jahren war in Berlin die Uraufführung.

Am Freitag vor 200 Jahren wurde in Berlin im frisch erbauten Schinkelschen Schauspielhaus die romantische Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (1786-1826) uraufgeführt.

Mit gigantischem Erfolg. Auf den Tag genau sechs Jahre nach dem Sieg über Napoleon bei Waterloo wurde an diesem Tag der Sieg der deutschen über die italienische Oper gefeiert. Weber war der Komponist der nationalen Bewegung. Er hatte „Leyer und Schwert“, die dichterische Hinterlassenschaft des in den Freiheitskriegen gefallenen Theodor Körner (1791 – 1813) vertont. Kein deutscher Männerchor kam damals ohne Webers Komposition von „Lützows wilde Jagd“ aus. Am 18. Juni 1821 war Weber den „Freunden der deutschen Oper das, was Blücher im Juni 1815 dem deutschen Kämpfervolke war“, schrieb der sächsische Eisenbahndirektor, österreichische Hofrat und preußische Ministerialrat Max Maria von Weber (1822-1881) in der umfangreichen, sehr lesenswerten, wohl nicht immer verlässlichen Biografie seines Vaters.

Carl Maria von Weber war seit 1817 Königlicher Kapellmeister und Direktor der deutschen Oper am Dresdner Hoftheater. Im selben Jahr traf er sich mit dem Dichter Johann Friedrich Kind (1768 – 1843) und besprach mit ihm die Idee, aus dem alten Märchenstoff von dem Jäger, der sich an den Teufel verkauft, um eine reiche Frau zu gewinnen, eine Oper zu machen. Kind zögerte, denn er hätte lieber einen eigenen Stoff entwickelt, aber dann, so beschrieb er es später, legte Weber eine Lunte in die Pulverkammer und „es gab eine Explosion“. In etwas mehr als einer Woche war das Stück fertig. Anders als die alte Erzählung mit einem Happyend! Weber kaufte Kind die Rechte am Stück für 30 Dukaten ab. Er begann zu komponieren, unterbrach das wegen anderer Arbeiten, setzte sich wieder dran, unterbrach wieder.

Der königlich-preußische Wirkliche Geheime Rat Carl von Brühl (1772-1837) war auch Generalintendant der Schauspiele und der Museen in Berlin. Ihm hatte Weber seine Oper versprochen. Jetzt machte Brühl Druck. Er wollte mit Webers „Freischütz“ das Schinkelsche Schauspielhaus eröffnen. Weber sputete sich. Er wurde am 13. Mai 1821 fertig. Die Oper hieß, darauf hatte Brühl bestanden, jetzt nicht mehr „Jägerbraut“, sondern „Der Freischütz“, so wie auch das Märchen geheißen hatte. Weber war schon seit dem 4. Mai in Berlin. Aber die Uraufführung für den „Freischütz“ verzögerte sich.

Der vom König persönlich mit einem finanziell überaus schmeichelhaften Vertrag aus Paris nach Berlin gelockte Gaspare Spontini (1774 – 1851) hatte schon im Februar das Berliner Publikum gegen sich aufgebracht, als er darauf bestand, italienische Opern auf Italienisch singen zu lassen. Das hatte es 14 Jahre lang nicht mehr gegeben. Mit Spontini schien die Übermacht der italienischen Oper auch am deutschen Nationaltheater wieder einzuziehen. Jetzt aber im Mai verlangte Spontini, dass alle im Haus ihm zur Verfügung stehen mussten für die Vorbereitung seiner neuen Oper „Olympia“. Die Proben für den „Freischütz“ wurden abgesagt, die Arbeit an Bühnenbild und Kostüm eingestellt. Der Konflikt beschäftigte nicht nur die Berliner Opernfreunde. Er machte den „Freischütz“, bevor auch nur irgendjemand einen Ton gehört hatte, zwar noch zu keiner deutschen Nationaloper, aber doch zu einer Sache der Deutschen. Was ihn in den Augen vieler verdächtig machte, mehr eine Sache nationaler Gesinnung als kompositorischer Fertigkeit zu sein.

Am 14. Mai hatte Spontinis „Olympia“ Premiere. Nach 42 Proben. Ein großer Erfolg. Im Weber-Lager bekam man es mit der Angst zu tun. Weber selbst schien davon nichts zu merken. Die bisher heimlichen Proben gingen jetzt ganz offiziell vonstatten. Insgesamt kam Weber von der ersten Leseprobe bis zur 4. Generalprobe auf 16. Die Chöre wurden einstudiert und die eine oder andere Melodie wurde schon auf den Straßen Berlins nachgepfiffen. Am Tage der Uraufführung fand Weber morgens die Zeit, die Ruhe, sein Konzertstück für Klavier und Orchester f-Moll op. 79 zu Ende zu bringen.

Am 26. Mai war das Schinkel’sche Schauspielhaus mit Goethes eigens geschriebenem Prolog und seiner „Iphigenie“ eröffnet worden. Am Tag danach aber wurde das Theater wieder geschlossen und fit gemacht für die wirkliche Eröffnung. Die sollte am 12. Juni stattfinden. Weber war fertig, da wurde ihm mitgeteilt, der Hof wolle am 13. und 15. Gästen des Königs Spontinis „Olympia“ zeigen. So wurde die „Freischütz“-Premiere auf den 18. Juni verlegt. Der „Waterloo-Effekt“ war also nicht geplant gewesen, sondern ein Zufallsprodukt. Aber er tat sicherlich seine Wirkung. Noch vor Beginn der Vorstellung gab es einen ersten Skandal. Ein Flugblatt mit einem Gedicht, das forderte, Weber solle in Berlin bleiben, er jage nach edlerem Wild als Spontini.

Über die Wolfsschlucht-Szene hatte Weber eine Auseinandersetzung mit seinem Bühnenbildner Karl Wilhelm Gropius (1793-1870), dem Großvater des Architekten Walter Gropius. Gropius sah die Wolfsschlucht und die dort sich abspielenden Ereignisse mehr als Fantasieprodukte des ängstlichen Max. Weber aber bestand auf ihrer Realität, die dann mit allem bühnentechnischen Aufwand vorgetäuscht werden musste. Sie wurde der große Knaller der Uraufführung und ist es bis heute in den meisten Inszenierungen geblieben.

Aber schon vor der Wolfsschlucht-Szene hatte Weber das Publikum erobert. Die Ouvertüre musste er wiederholen. Der erste Akt, bei dem – vom Chor abgesehen – nicht eine einzige Frau zu hören ist, stieß auf eine gemischte Aufnahme. Als dann in der achten Szene des zweiten Aktes Agathe ihre Arie „Wie nahte mir der Schlummer…” (Brechen Sie hier die Lektüre ab, gehen Sie an Ihren Computer und hören Sie auf Youtube Nina Stemme und Gundula Janowitz, bitte, bitte) ausgesungen hatte, „wallten dem Schöpfer dieses Zauberwerkes Herzen, Hände und Seelen in Jauchzen, Klatschen, Rufe ohne Ende entgegen“, schreibt Max von Weber, der damals noch nicht geboren war.

Die Oper wurde ein Riesenerfolg. Nicht nur in Berlin, wo sie 200 Mal gespielt wurde, sondern bald überall in Europa.

Das machte sie verdächtig. Wer auf sich hält, mag sich nicht mit der Masse gemein machen. Ludwig Tieck nannte den „Freischütz“ das „unmusikalischste Getöse, das je über die Bühne getobt ist“. Zelter schrieb Goethe: „Von eigentlicher Leidenschaft habe ich vor allem Gebläse wenig gemerkt.“ Am 30. Juni, nachdem er u.a. im Salon der Varnhagen sich hatte feiern lassen, verließ Zelter Berlin und ging zurück nach Dresden.

Ich weiß nicht, ob er Kenntnis erhielt von dem, was Mary Shelley, die Autorin von „Frankenstein“, 1824 anlässlich einer Aufführung in London schrieb: „Die Musik ist wild, aber oft schön – sobald die Wundermaschinen ihre Ladung abfeuern, füllt sich die Bühne mit allen nur erdenklichen Schrecknissen – flügelschlagenden Eulen – herumspringenden Kröten – wild blickenden Feuerschlangen – geisterhaften Wolkenjägern, während immer wieder mitten im Fluss wilder Harmonien eine krachende Dissonanz einschlägt – alle Arten schönster Szenerien, versichere ich Ihnen, während das gesamte Haus, außer der Bühne, in Dunkelheit gehüllt ist.“

Richard Wagner, so schrieb er in seinen Erinnerungen, war als Sechsjähriger der Ouvertüre zum „Freischütz“ verfallen. Um sie immer wieder hören zu können, lernte er das Klavierspiel. Er half mit Benefizkonzerten – wie auch Meyerbeer – bei der Überführung von Webers Leichnam aus London nach Deutschland. Das Getöse, an dem Tieck und Konsorten Anstoß nahmen, animierte, ja berauschte Wagner. Die Dissonanzen, die Mary Shelley zu schätzen wusste, reizten Wagner zu noch schrilleren Tönen.

Im sehr lesenswerten Programmheft der Bayerischen Staatsoper zu ihrer neuesten „Freischütz“-Inszenierung findet man einen hochinteressanten Aufsatz von Andrej Sorin über die russische „Freischütz“-Rezeption. Michail Glinka schreibt 1834, er hat gerade den „Freischütz“ gesehen, an einen Freund, er möchte eine Oper auf ein nationales russisches Sujet komponieren.

Am 27. November 1837 findet in Petersburg die Uraufführung seiner Oper „Das Leben für den Zaren“ statt. Der „Freischütz“ mag die deutsche Nationaloper sein – ausgerufen dazu wurde er schon kurz bevor er aufgeführt wurde –, aber vor allem war er der Startschuss für die Schaffung von Nationalopern überall in Europa.

Ein Nationalstaat schien eine Nationaloper zu brauchen. Es ist das Bürgertum, das die Nation schafft und die Nationaloper. Es verständigt sich mittels der Musik über die Grenzen hinweg. In Turgenjews Frankfurt-Roman „Frühlingsfluten“ erkennen die italienische Einwanderin und der russische Tourist einander in ihrer Liebe zu Webers „Freischütz“.

Wer die Geschichte des „Freischütz“ verfolgt, kann schwer das Philiströse darin übersehen, die Beharrlichkeit, mit der auf Sitte und Anstand – mitten im Betrug – gepocht wird. Die Romantik, auf diese Idee kommt man, ist der stets scheiternde Versuch, dem Philistertum zu entkommen. Abenteuerlust und Behaglichkeit gehen eigenartig zusammen. Der Schrecken ist da, aber er verschlingt einen nicht. Man kann ihn überstehen. Das ist die Botschaft des „Freischütz“.

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