Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Heinz Sauer 2005 in Frankfurt. Christoph Boeckheler
+
Heinz Sauer 2005 in Frankfurt.

Jazz

Die Bildung des eigenen Tons

  • vonHans-Jürgen Linke
    schließen

Rainer Wieczoreks literarisches Porträt des Musikers Heinz Sauer

Musik entsteht, indem sie gespielt wird. Das Verb „spielen“ aber ist wohl auch ein Beitrag dazu, dass Musik oft nicht wirklich ernst genommen wird. Sie ist eben ein Spiel - für die, die mit und von Musik leben, ist sie jedoch mehr: Lebensinhalt, Lebensunterhalt. Darum beginnt Rainer Wieczoreks literarisches Porträt des Musikers Heinz Sauer mit der Frage: „Ist es ein Spiel?“Diese Frage zieht sich durch das ganze Buch.

Sauer ist einer der wichtigsten Jazzmusiker der deutschen Nachkriegs-Generation. Wieczorek will keine faktengesättigte Biografie liefern. Er bewegt sich vielmehr erzählerisch durch eine Reihe von Schlüsselmomenten: Jahrgang 1932, geboren und aufgewachsen im thüringischen Merseburg als Sohn eines Direktors der Leuna-Werke, die zur IG Farben gehörte. Was auch bedeutet: Kindheit in einer vom Nationalsozialismus stark geprägten Umgebung.

Das Buch

Rainer Wieczorek: Im Gegenlicht: Heinz Sauer. Ein literarisches Porträt. Dittrich, 2021. 136 S., 22,90 Euro (Hardcover), 13,90 Euro (Taschenbuch).

Nach dem Krieg zieht die Familie in den Taunus, das Biotop ändert sich gleichwohl nicht grundlegend. Aber Heinz Sauer ändert sich. Der Jazz dringt in sein Leben ein, mit anderen Klängen und Rhythmen als die kanonische Lieblingsmusik des Vaters. Das Lehramts-Studium in Darmstadt markiert noch einen Kompromiss mit der Herkunftsfamilie und ist halbwegs interessant, aber nichts fürs Leben. Dann der Kontakt mit den Amerikanern, viele von ihnen Afroamerikaner. Nächte im Jazzkeller. Lange, einsamen Fußwege abends und nachts zwischen dem Wohnort Kronberg und Frankfurt. Die Musiker-Szene, erste Anerkennung als Saxofonist im Keller. Bandmitglied bei Albert Mangelsdorff, der sich schnell zu einer Schlüsselfigur der regionalen Szene entwickelt hat. Die Reise nach Polen, das HR-Jazzensemble, die Voices und andere Formationen. Immer neue Entwicklungsschritte, Lernschritte, Ausdrucksmöglichkeiten, immer in kultureller und politischer Opposition zur eigenen Herkunft und zum deutschen Nachkriegs-Mainstream. Und so fort. Bis zur Duo-Arbeit mit dem jungen Pianisten Michael Wollny, die bei einem Ror-Wolf-Abend im Darmstädter Literaturhaus beginnt und für Heinz Sauer auch musikalisch wieder voller Überraschungen ist.

Eine chronologische Biografie ist, wie schon angedeutet, nicht das zentrale Anliegen des Buches. Es ist im Grunde ein literarisch geformtes Dreier-Gesprächs, dessen Teilnehmer der Autor, Heinz Sauer selbst und Danski sind. Danski ist eine bewährte literarische Figur, die aus einem anderen Buch Wieszoreks hereinschaut, Fragen stellt, Beiträge liefert und bereichernde Kontroversen mit seinem Autor hat. Aber Wieczorek und Danski haben nicht das Bedürfnis, sich selbst in den Vordergrund zu schieben, und Heinz Sauers Beiträge fügt der Autor lakonisch ein. So wird Sauer in diesem Porträt zu einer Mischform aus realer und literarischer Figur, die auch die eigene Position im Buch kommentiert.

Wieczorek sucht nicht angestrengt nach Metaphern für Sauers einzigartige Tonbildung und ihren unausschöpflichen Nuancenreichtum. Aber er zeichnet sorgfältig die unruhige lebenslange Balance eines Künstlers zwischen Ekstase und Formstrenge, Tradition und Grenzüberschreitung. So wird die Musik erkennbar als Prozess einer vitalen, immer neu ansetzenden Gestaltungsarbeit. Sie ist mehr als ein Spiel. Aber im Gegenlicht nimmt man die, die zuhören und zuschauen, nur als dunkle Wand wahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare