Alicia Keys singt in ihrem neuen Album auch über Polizeigewalt auf den Straßen der USA.
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Alicia Keys singt in ihrem neuen Album auch über Polizeigewalt auf den Straßen der USA.

Studioalbum „Alicia“

Die behutsame Alicia Keys

  • vonPhilipp Kause
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Das siebte Studioalbum der R’n’B-Sängerin enttäuscht ein wenig.

Good Job“ heißt ein herausragender Song auf Alicia Keys’ neuem, siebtem Studioalbum „Alicia“. Zwei, drei Jobs parallel – in den USA müssen ungefähr acht Millionen Menschen so leben. Der Song bezieht sich darauf, zudem auch auf die Helfenden an der Corona-„Front“, die etwa in den Krankenhäusern von Alicia Keys’ Heimat New York unter Stress stehen. Stilistisch erinnert die 39-jährige R’n’B-Ikone mit diesem schönen Lied an ihre Anfänge.

Damals, 2001, rund um 9/11, verkörperte sie mit ihren inbrünstigen „Songs Of A Minor“, das heile und romantische New York City. Für Fans von Keys’ ersten Songs und ihren (bis heute) klavierlastigen Konzerten empfiehlt es sich, das neue Album vom Schluss her zu hören.

Neben „Good Job“ punktet die Ballade „Perfect Way To Die“. Viel mehr als das Piano benötigt die Sängerin nicht, um schwermütig ihr Szenario zu entfalten: Als „river of blood in the streets“ besingt sie die mörderische Polizeigewalt auf der Straße. Sie wählt hier das einzige Mal auf diesem Album ein politisches Thema und verwebt das Öffentliche mit einer privaten Geschichte. Die Ich-Erzählerin vermisst ihren Partner, versetzt sich zurück zum Anfang ihrer Beziehung. Sie verliert ihn – weil der Staat ihn tötet.

Anrührendes findet sich auch eine weitere Nummer zurückgeklickt. Da heißt der Track nach seinem Gast, „Jill Scott“. Jill ist eine Neo-Soul-Sängerin, eine der bedeutendsten dieses Subgenres, in das man auch Alicia Keys anfangs einsortierte. Scott macht mit, die beiden Stimmen wecken mit schwebender Leichtigkeit unser Nostalgiegefühl, weil solche Musik wie von vor 20 Jahren heute kaum mehr gemacht wird – hier schon!

Das Album

Alicia Keys: Alicia. Rca Int. / Sony Music.

Besonnen, mitunter statisch

„Alicia“ ist trotzdem keineswegs das beste Album in Keys’ Schaffen. Die recht besonnene, introspektive Sammlung wirkt zu behutsam, mitunter zu statisch. Einige der Stücke könnten mehr Text und Melodie vertragen. Derweil nehmen elektronische instrumentale Passagen einigen Raum ein und klingen so reduziert wie monoton.

In ihrem PR-Statement sagt die Sängerin: „Ich stand bei der Entstehung des Albums im Einklang mit all meinen verschiedenen Seiten.“ Aber: Von Hip-Hop oder Jazz, Facetten auf dem Vorgänger „Here“ (2016), hört man nichts mehr. Dafür macht sich der Trend zu analogen Synthesizern, wie er 2020 oft auffällt, im Song „Time Machine“ bemerkbar.

Eine neue Seite ist ein hypnotischer, tanzbarer Groove wie in „Love Looks Better“. Neu ist auch Folktronic-Stil, wie er in „Underdog“ und „Gramercy Park“ zur Geltung kommt. Elektronik paart sich hier mit direktem, schnörkellosem Kammer-Pop. Das hebt die Qualität des Albums nicht gerade. Einen anderen Weg geht Keys’ Kooperation „Wasted Energy“ mit dem tansanischen Künstler Diamond Platnumz, setzt reggae-dubbig in Rhythmus und Echoeffekten auf karibische Vibes; dieses Experiment gelingt.

Die Queen des R’n’B nimmt sich also immerhin ein paar frische weiße Blätter, probiert Dinge aus. Stark ist vor allem ihre gut modulierende Stimme. Manchmal warm, manchmal fiepsig, nahbar oder näselnd erfasst sie viele Nuancen.

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