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Von: Bernhard Uske

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Igor Levit.
Igor Levit. © AFP

Igor Levit spielt Arrangements und überzeugt restlos mit Originalen von Liszt und Fred Hersch

Komponisten-Pianisten scheinen ein Faible dafür zu haben, alles, was musikalisch außerhalb des eigenen instrumentalen Kosmos geschieht, irgendwann unter den hölzernen Deckel und auf die 88 Tasten zu bringen. Franz Liszt war ein solcher Monomane, der Opern, Sinfonien, Kunstlieder oder auch den Gregorianischen Choral in die Tastenmangel nahm und dabei fast bis zum letzten Atemzug einen lebhaften Stoffwechsel hatte.

Auch zeitgenössische Leuchten am pianistischen Firmament haben solche Anwandlungen, wie Zoltan Kocsis’ Klaviertranskription des Wagnerschen „Tristan und Isolde“-Vorspiels zeigt. Igor Levit spielte dieses Werk jetzt bei Pro Arte, nachdem er zu Beginn des Abends im Großen Saal der Alten Oper einen weiteren Künstler, der die Finger von nichts lassen konnte, zu Gehör brachte: Ferruccio Busoni, hier mit sechsen seiner Klavier-Arrangements der Choralvorspiele für Orgel von Johannes Brahms. Beide Transkriptionen im Vergleich mit den Originalen keine Offenbarungen, sondern mal dürre, mal klappernde und wühlende, jedenfalls angestrengte Versuche, den tragenden und schwebenden Klang des Wagnerorchesters oder den der Orgel zu ersetzen.

Pointiert und doch beiläufig

Das pianistische Medium war bei den Hauptwerken des Abends dann aber ganz im Zentrum seiner eigentlichen Potenz. Einerseits der Lisztschen h-Moll-Sonate, andererseits den „Variations on a Folk Song“ des 1955 geborenen US-Amerikaners Fred Hersch, der vom Jazz herkommt. Ein Künstler, der klassische Kompositonstechniken wie die Variation weiterentwickelt, harmonisch anreichert und manchem pianistischen Format Sergej Prokofjews ähnelt. Eine anspruchsvolle und ansprechende Musik, die mehr apollinische Distanz und Strenge denn jazzhafte Motorik und launiges Drauflosmusizieren darstellt. Es gelang Igor Levit in seiner sachbezogenen pianistischen Kontur, die Musik Herschs pointiert und zugleich doch fast beiläufig erscheinen zu lassen.

Vielleicht waren diese 22 Minuten der Höhepunkt des Konzerts, wenngleich der interpretatorische Ansatz bei Liszt in seiner Zurückhaltung besonders war. Die Tendenz, den komponierenden Tasten-Furoristen mit seinen Gestaltungskühnheiten ins Gigantomanische zu katapultieren und sich als Pianisten damit natürlich gleich mit, fand keinen Anhaltspunkt.

Zwar zeigte Levit oft genug die Krallen, hatte es aber nicht nötig, dabei die Pranke ins Spiel zu bringen. Man erlebte fesselnde Einblicke in die Möglichkeiten des Solisten, dem die Substanz des Werks aber offensichtlich wichtiger war.

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