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Die Alben „Mein Traum“ und „An unexpected Mozart“ – In Scheinwelten, Zwischenreichen

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Von: Stefan Schickhaus

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Die französische Sopranistin Sabine Devieilhe, hier auf der Bühne, auf dem Schubert-Album irisierend mit dem „Ave Maria“.
Die französische Sopranistin Sabine Devieilhe, hier auf der Bühne, auf dem Schubert-Album irisierend mit dem „Ave Maria“. © Boris Horvat/afp

Französische Ensembles überraschen mit Schubert- und Mozart-Raritäten.

Zwei CDs hat das Label harmonia mundi kürzlich vorgestellt, die einiges gemeinsam haben: Beides sind Produktionen französischer Barockensembles, die sich hier mit nicht-barockem Repertoire beschäftigen – die einen stellen Franz Schubert, die anderen Wolfgang Amadeus Mozart ins Zentrum. Und es geht um die Seitenstränge und Nebenlinien des jeweiligen Werkkatalogs, um Musik, die der Markt nicht bereits in unzähligen Varianten bereit hält.

„Mein Traum“ heißt das Album, das der Dirigent Raphaël Pichon für sein Ensemble Pygmalion sehr einfallsreich zusammengestellt hat. Irgendwo in der Mitte der CD sitzen dabei, nicht einmal direkt hintereinander, die beiden Sätze der „unvollendeten“ h-Moll-Sinfonie, doch als Hauptwerk des Albums bezeichnen muss man diese nicht. Sie ist gut musiziert, keine Frage, doch längst nicht so detailgenau wie in jener Harnoncourt-Aufnahme aus dem Jahr 1984 (zufälligerweise Pichons Geburtsjahr). Die sei erwähnt, weil Harnoncourt ein Verfechter einer Theorie von Arnold Schering war, nach der Schubert in seiner „Unvollendeten“ ein Programm versteckt hätte, nämlich eine eigene, später als „Mein Traum“ betitelte Geschichte, in der Schubert sein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater thematisierte.

Im Booklet der gleichnamigen CD ist die Geschichte abgedruckt – aber zu Scherings vermuteter Querverbindung kein Wort. Muss man aber auch nicht überbewerten, die Stärke liegt schließlich in dem, was hier um diese h-Moll-Sinfonie herumgruppiert wurde. Das sind: Schubert-Lieder in Orchesterfassungen von Liszt und Brahms, Ausschnitte und Chorsätze aus „Lazarus“ und „Alfonso und Estrella“, etwas Schumann und Weber, Schuberts Psalm-Vertonung „Gott ist mein Hirt“ zum still-wirkungsvollen Ausklang – alles Musik aus anderen Sphären und Räumen, aus Scheinwelten und Zwischenreichen. Oft kernig mit schmetternden Naturhörnern, oft inbrünstig, schwarzromantisch, irrlichternd.

Manches ist nur Fragment geblieben, doch wird es hier pass- und stilgenau in ein Gefüge eingebaut. Die vokale treibende Kraft neben dem Pygmalion-Chor ist dabei Stéphane Degout, soeben in Madrid beim International Opera Award 2022 als Sänger des Jahres ausgezeichnet – ein Bariton mit sehr natürlicher deutscher Aussprache und dem nötigen standing im furiosen Trubel.

Die Alben

Pygmalion / Raphaël Pichon: Mein Traum. harmonia mundi.

Les Surprises, L.-N. Bestion De Camboulas: An unexpected Mozart. harmonia mundi.

Auch das Doppelalbum „An unexpected Mozart“ des Ensembles Les Surprises (in dem übrigens die gleichen Trompeter sitzen wie bei Pygmalion) hat vokale Anteile, aber die zählen eindeutig nicht zu den Höhepunkten. Der Ensembleleiter Louis-Noël Bestion De Camboulas, der hier auch als Organist, Cembalist und Fortepiano-Spieler auf sorgfältig ausgewählten und im Booklet bestens dokumentierten historischen Instrumenten auftritt, hat den Fokus auf Mozarts Kirchensonaten gelegt – eine zu Unrecht unterbelichtete Gattung, handelt es dabei doch um hervorragende und hier endlich einmal auf der Höhe der Zeit interpretierte Musik.

Für die Flötenuhr

Dazu kommen Tastenwerke der raren Art, etwa ein Präludium-Fragment aus KV 624 oder die Orgel-Fantasia KV 608. Flötenuhr-Stücke von Haydn und eigenwillige Kleinformate von Carl Philippe Emanuel Bach ergänzen ein Album, das deutlich kleinteiliger wirkt als die so kompakte Schubert-CD und sich eher noch an speziell Interessierte richten dürfte, das aber gerade den Kirchensonaten einen unschätzbaren Dienst erweist.

Eine letzte Verbindung noch zwischen den beiden Neuerscheinungen: Beide haben sie ihr irisierendes Moment. Bei Schubert ist es das „Ave Maria“, die Sopranistin Sabine Devieilhe – in Madrid just als Sängerin des Jahres prämiert – mit Harfenbegleitung. Beim „Unexpected Mozart“ ist es das Adagio für Glasharmonika KV 356, irreale Klänge aus Mozarts Todesjahr 1791.

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