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Dhafer Youssef: Beinahe schon überirdisch

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Von: Stefan Michalzik

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Dhafer Youssef 2017 in Hamburg.
Dhafer Youssef 2017 in Hamburg. © Markus Scholz/dpa

Zum Konzert mit der hr-Bigband, die erneut auf Streamingmodus umgestellt hat, hat Youssef den spanischen Pianisten Daniel Garcia mitgebracht.

Trennlinien kennt Dhafer Youssef keine. Der tunesische Oudspieler und Sänger bewegt sich in einem heutig-okzidentalen Umfeld zwischen Jazz und ambienthafter Elektronik; er hat mit den unterschiedlichsten Musikern zusammengearbeitet, darunter die Norweger Bugge Wesseltoft, Arve Henriksen, Nils Petter Molvaer und Eivind Aarset und auch der legendäre indische Perkussionist Zakir Hussain.

Zum Konzert mit der hr-Bigband, die erneut auf Streamingmodus umgestellt hat, hat Youssef den spanischen Pianisten Daniel Garcia mitgebracht. Die eleganten Arrangements des Schweden Magnus Lindgren – als Dirigent musste er krankheitsbedingt absagen, eingesprungen ist Jörg Achim Keller – lassen diesem Duo beträchtlichen Raum für Momente kammermusikalischer Intimität.

Etliche der Stücke, sämtlich Kompositionen Youssefs, der 1967 in der Provinzstadt Téboulba geboren wurde und nach Stationen in Graz und Wien heute in Paris lebt, beginnen mit unbegleiteten Duettpassagen. Kommt die Band ins Spiel, bleiben die Arrangements zumindest in den windstillen Teilen des Abends diskret, mit Bläsern in gedeckten Farben.

Einflüsse indischen Gesangs

Von außergewöhnlicher Strahlkraft in gedämpftem Ton ist der seelenvoll-spirituelle Gesang Youssefs, er ist geprägt von langgezogenen Tönen und arabischen Melismen. Youssefs Musik ist in der Tradition des Maghreb verwurzelt und zugleich über sie erhoben. Einflüsse vor allem auch der indischen Gesangskultur sind offenbar. Die dynamische Spanne reicht von einer dunkel timbrierten Baritonlage bis zum dramatischen Lamento in sich immer höher und höher schraubenden Tönen.

Er wolle, so hat Youssef einmal sein künstlerisches Credo formuliert, Schönheit erzeugen. Mit seinem Gesang gelingt ihm das in einer beinahe schon überirdischen Weise, freilich auch hart an der Kitschgrenze.

Das Kontemplative erinnert an den „nordischen“ Jazz und seine impressionistische Prägung. Die Oud, die arabische Knickhalslaute, ist im Mittelalter über die muslimische Kultur in der Zeit des al-Andalus nach Europa eingewandert. Youssef spielt sie auf der Basis arabischer Skalen (Maqam) in Verschmelzung mit einer „westlichen“ Spielhaltung.

Eine Reihe von Stücken ist geprägt von einem im Grunde altmodischen, hier jedoch eher zeitlos erscheinenden Fusiongebräu, in dem sich über Youssef und Garcia hinaus besonders der Gitarrist Martin Scales mit seiner uneitel gehandhabten Virtuosität hervortut. Mitunter ist beträchtliche Funkyness im Spiel, gipfelnd in der Verschmelzung eines Anklangs an den Sound in Isaac Hayes „Shaft“ mit arabischem Flair in der finalen Nummer „Cheerful Meshuggah“.

Der Stream ist weiterhin abrufbar über www.hr-bigband.de und Youtube.

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