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Aldous Harding: Raffinierte Schlichtheit.

Musik

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„Designer“: Tiefer, leichter, großer, neuer Pop von Aldous Harding.

Eine musikalische Wendung. In der raffinierten Schlichtheit der Inszenierung erinnern die Songs auf „Designer“, dem gerade erschienenen dritten Album von Aldous Harding, schon beinahe ein wenig an den Softpop, ein heute nahezu vergessenes Genre aus den siebziger Jahren. Bis dato ist die 1990 als Tochter einer Folksängerin geborene und im neuseeländischen Hafenort Lyttleton aufgewachsene Sängerin und Songschreiberin für Lieder über Niederschmetterndes wie Alkoholsucht und Angst, Verzweiflung und innere Dämonen bekannt gewesen – vorgetragen von Fall zu Fall mit finster-pathetischem Furor. „Gothic Folk“, nicht umsonst wurde ihr dieses Etikett angeheftet. Zitat: „I would rather die then sleep tonight“ – heute Nacht würde ich lieber sterben als schlafen. Mit dem Titel „Party“ hatte sie ihr vorhergehendes Meisterwerk von 2017 überschrieben, gegenläufig zu einer ganz und gar nicht auf ein rauschendes Fest ausgehenden Stimmung. Aber schon mit einer gewissen Tendenz, die jetzt auf „Designer“ weitergetrieben worden ist.

Das neue Album ist glasklar in seinem Klangbild. Produziert hat es wiederum John Parish, der vor allem für seine Arbeit an Klassikern von P J Harvey bekannt ist – was den immer wieder gezogenen Vergleich zwischen Harding und Harvey in der Vergangenheit befördert hat, der gewiss nicht abwegig war.

Der erste Eindruck von „Designer“: Das ist ungeheuer schön. Die dunkel timbrierte Stimme steht im Vordergrund, die Arrangements sind durchweg sparsam, selbst wenn zuweilen Streicher und Holzblasinstrumente ins Spiel kommen. Jedes Instrument ist in jedem Moment herauszuhören. Oft trägt ein wirkungsvolles Riff mehr oder weniger den kompletten Song. Bei den letzten beiden Nummern des vierzigminütigen Albums, „Heaven Is Empty“ und „Pilot“, begleitet sich Harding allein am Klavier. Folk ist über alle Wandlungen hinweg eine Konstante im Popentwurf von Aldous Harding, die eigentlich Hannah mit Vornamen heißt und sich den ,,Aldous“ zugelegt hat, um sich vor dem Schriftsteller Aldous Huxley zu verneigen, dem Autor des Romans „Schöne neue Welt“, einem Klassiker der negativ utopischen Literatur.

Mit ihren Texten gründet Aldous Harding in einer poetischen Sprache tief wie ehedem. Manches ist in seiner Symbolhaftigkeit kryptisch und lädt zur Exegese ein, anderes erschließt sich ohne weiteres. Im Song „Zoo Eyes“ etwa erzählt das lyrische Ich von einer Reise nach Dubai, die ihm ob der Sensationen in einer so fremden Stadt, vorgekommen sei wie ein Zoobesuch als Kind. „In your eyes I see the weight of the planets/And it’s sucking you out“ – „In deinen Augen sehe ich das Gewicht der Planeten“, heißt es in „Weight of the Planets“, „und es macht dich fertig“.

Eigentümlich leicht – Stichwort Softpop – erscheint die Musik, mit einem doppelten Boden. Immer wieder gibt es sublime Irritationen und eingestreute Momente der Dissonanz. Großer Pop.

Aldous Harding: Designer. 4AD/Beggars Group.

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